Fußballweltmeisterschaft...

Fußball um die Massen einzulullen und im Nachtrab der Herrschenden zu halten

Fußball ist ein schöner Sport, ein schönes Spiel... Fast jeder kann es lernen. Neben individueller Begabung ist das Mannschaftsspiel notwendig, das zu einem kollektivem Spiel erzieht. Allen die Fußball nicht mögen und oft meinen zum Fußballspielen braucht man nur "Beinkraft", sei gesagt, dass dieser Sport gleichzeitig Überlegung, Planung und Taktik etc. erfordert. Es ist auch ein sehr spannendes Spiel, dessen Ende zu Beginn nicht voraussehbar ist und bei dem es immer überraschende Ergebnisse geben kann. Wegen all dieser und noch vielen anderen Gründen, vor allem aber weil man beim Betreiben dieses Sportes keine großen Geldausgaben hat, und er so eine demokratische gleichberechtigte Seite hat, ist Fußball heute auf der ganzen Welt der Sport/das Spiel, das am meisten gespielt wird, und die meisten Zuschauer anzieht. Fußball ist breitester Massensport.
Aber im Kapitalismus ist auch der Fußball so wie jede andere Sache auf der Welt eine Ware, ein Mittel um Profit zu machen..
Es ist nicht nur ein Glück, sondern auch ein Unglück des Fußballs, dass er der beliebteste gespielte und angeschaute Sport ist....
Weil er der beliebteste Sport ist, macht ihn das kapitalistische System zu einem seiner Grundpfeiler.
Die Sportler, die Fußball zu ihrem Beruf machen, werden von den sogenannten Sportvereinen gegen riesige Geldsummen gekauft/verkauft. Die Sportvereine gehen mit Aktien an die Börse, ihre riesigen Stadien, die Übertragungsrechte im Fernsehen, die für hunderte Millionen Dollar verkauft werden, die Unsummen, die über die Reklame der Fußballer auf ihren Trikos eingenommen werden etc. etc. sind alles Bereiche, wo durch den Fußball riesige Werte die Hand wechseln.
Aber der Fußball ist nicht nur für die Kapitalisten ein besonderer Zweig um Profit zu machen, sondern hat auch noch eine besondere ideologische Funktion um das gesamte kapitalistische System am Laufen zu halten.
Der Fußball ist eines der wichtigsten Mittel um die Massen an das kapitalistische System zu binden und wird auf vielfältigste Weise dafür benutzt.
Obwohl Fußball eigentlich ein kollektiver Sport ist und dann wenn er tatsächlich als Sport gespielt wird, so wie alle anderen Massensportarten auch die Menschen einander näher bringt, Freundschaften entwickelt, wird er von den Herrschenden dazu benutzt, die die Massen schon nach den Vereinen, zu denen sie halten zu spalten, sie zu Rivalen, ja zu Feinden zu machen. Gleichzeitig dient der Fußball, dessen Zuschauer zu einem großen Teil männlich sind, dazu den Männerchauvinismus zu schüren.
Beim Fußball werden Anhänger zu fanatischen Fans aufgestachelt, zu "Fans" , die um jeden Preis ihre eigene Manschaft gewinnen sehen wollen, die, wenn ihre Manschaft gewonnen hat, das als einen persönlichen Sieg, und ein verlorenes Spiel als ein persönliches großes Unglück ansehen, für das sie häufig den "gekauften Schiedsrichter", verantwortlich machen, oder sich von den "lahmen Spielern" verarscht fühlen. "Fans", die sich mit den Fans der gegnerischen Mannschaft bekriegen, werden als die "wirklichen Anhänger" gesehen.
Als reichte es nicht, dass die Werktätigen nach Nationalitäten, Religionen, Konfessionen, Geschlechtern gespalten sind, werden sie auch noch entsprechend der Fußballmanschaften, für die ihr Herz schlägt gespalten.
Schlachtrufe wie "Wir sind zum sterben, zum sterben, zum sterben gekommen!", "Wir werden dieses Spiel gewinnen, einen anderen Weg gibt es nicht!", "Willkommen in der Hölle!", spiegeln die Wirklichkeit beim Fußball wieder!
Bei der Europaweltmeisterschaft, der Weltmeisterschaft und ähnlichen internationalen Turnieren steigert sich der Nationalismus in Hysterie. Beispiele dafür haben wir bei den Begegnungen während der aktuellen Weltmeisterschaft hautnah erlebt.
Das Ausscheiden der französischen Mannschaft, die als ein Favorit für das Finale gehandelt wurde, führte quasi zur nationalen Trauer in Frankreich.
Der Sieg der ehemaligen Kolonie Frankreichs Senegal über Frankreich wurde gefeiert, als ob dieser Sieg eine Heimzahlung für die koloniale Vergangenheit sei.
Auch das Ausscheiden des weiteren Favoriten Argentinien vor Erreichen der zweiten Runde führte zu gewaltigen Erschütterungen. Die werktätigen Massen Argentiniens, in dem eine furchtbare ökonomische Krise herrscht, verhielten sich nach dem Ausscheiden Argentiniens so, als sei das mindestens ein genauso großes Unglück wie die ökonomische Krise.
In Portugal griff man zum Fado, dem sentimentalen, zum Weinen bringenden Volksgesang um die Niederlage zu betrauern.
In der Türkei griffen die Massen zur ewigen Leier
"Danach sehnen wir uns seit 48 Jahren", "wir werden im Finale spielen", "die Türkei ist die größte" etc. Monatelang wurde der Fußball in den Mittelpunkt gestellt, als sei er die wichtigste Sache der Welt. Im gesamten Juni war die erste und wichtigste Nachricht aller Nachrichtenmedien der Fußball. (Das war nicht nur in der Türkei so, sondern so gut wie in allen Ländern auf der ganzen Welt, natürlich insbesondere in den Ländern, deren Mannschaften im Finale spielten).
Die Krise, die Erwerbslosigkeit, Hunger, Armut, die Angst vor Erdbeben etc. etc. alles war vergessen. Nur noch der Fußball zählte! Und als es nach den ersten zwei Spielen die Möglichkeit gab, dass die Türkei nicht weiterkommt, und sich zeigte, dass für ein Weiterkommen in die nächste Runde die Türkei auf die Hilfe von Brasilien angewiesen war, wurden die Schiedsrichter, das technische Komitee und die brasilianischen Spieler, die als "SimulantenÓ angeprangert wurden, zu Feinden erklärt. So sollte die Enttäuschung der Massen bei einem Ausscheiden der türkischen Manschaft kanalisiert werden. Aber die Türkei konnte mit Hilfe Brasiliens in die nächste Runde kommen. Und für die herrschenden Klassen war eine weitere Woche gewonnen! Millionen Menschen gingen nicht nur in der Türkei, sondern auch in vielen Städten im Ausland auf die Straße. "Die größte ist die Türkei, es gibt kein anderes größeres Land!" ertönte es überall! Wenn als Maßstab der Größe, Sieg oder Niederlage beim Fußball gilt, so ist es klar, dass dann eine Niederlage beim Fußball und das Ausscheiden aus dem Wettkampf als nationale Katastrophe und Schlimmste was passieren kann gesehen wird.
Solange das so ist, haben die Herrschenden gute Laune. Der Fußball ist für sie eines der wichtigsten Mittel um die Massen einzuschläfern, zu betrügen, sie von ihren wirklichen Problemen abzulenken und die Werktätigen gegeneinander aufzuhetzen.
Aber ist daran der Fußball schuld? Nein! Der Fußball kann wenn er als Amateursport der Massen betrieben wird, wenn er nicht benutzt wird, um zwischen den Vereinsanhängern und den Nationalitäten Feindschaft zu schüren, wenn er als ein Mittel der Freundschaft und des sportlichen Wettbewerbes begriffen wird, wenn er nicht als eine Kriegserkärung, sondern als ein sportliches Spiel gilt, wenn das Verlieren eines Spiels nicht als Katastrophe und das Gewinnen nicht als Sieg begriffen wird, ein Mittel sein um die Massen einander näherzubringen. Darum muss auch der Fußball vom Kapitalismus gereinigt werden.
Es ist möglich, dass der Fußball vom Kapitalismus befreit wird. Und der schönste Fußball wird der vom Kapitalismus befreite sein.

16. Juni 2002
("Aufruf für eine Neue Welt", Nr. 58, Juni 2002)