Palästina
Sagen wir Stop zu dem Massaker des zionistischen Israels an dem
palästinensischen Volk!
Israel raus aus Palästina!
Der Ministerpräsident der türkischen Republik Ecevit hat in einer
Rede, die er am 4. April im Parlament in der Sitzung der DSP-Parteigruppe
hielt, ohne sich dessen bewusst zu sein die Wahrheit ausgesprochen.
Er verurteilte den letzten gemeinen Angriff, den der israelische
Ministerpräsident Sharon, (von dem Ecevit manchmal nicht mal den
Namen mehr weiß) gegen das palästinensische Volk begonnen hatte
und bezeichnete diese Angriffe als "Völkermord".
Wortwörtlich sagte er:
"Nicht nur Arafat, der palästinensische Staat wird Schritt für Schritt
vernichtet. An dem palästinensischen Volk wird vor den Augen der
Weltöfffentlichkeit ein Völkermord verübt. Die israelische Regierung
tritt auch die Beschlüsse des UN Sicherheitsrates mit Füßen". (Siehe
Nachrichten vom 4. April und Zeitungen vom 5. April 2002)
Weil diese Worte die guten Beziehungen zu Israel zerstören könnten,
haben die Medien der herrschenden Klassen Ecevit dazu aufgerufen,
auf die offizielle Linie zurückzukommen. Der Generalstab, dessen
Unterschrift unter dem Abkommen mit Israel über die Erneuerung der
Panzer noch nicht getrocknet war, verwarnte Ecevit; die Doğan Mediengruppe
fuhr scharfe Geschütze gegen ihn. Im Parlament mahnte ihn Kamuran
İnan ab. Alle betonten, dass die Bezeichnung "Völkermord" über das
Ziel hinausschießen würde. Beschwörend wurde ausgeführt, dass bislang
die jüdische Lobby in Amerika verhindert hätte, dass die Völkermordvorwürfe
der USA gegenüber der Türkei zur offiziellen Staatspolitik der USA
geworden sind. Nun werde aber wenn die Türkei gegenüber Israel den
Völkermordvorwurf erheben würde, die jüdische Lobby als Reaktion
ihre "schützende Hand" zurückziehen und die Türkei dann in eine
sehr schwierige Lage geraten etc. Der Aussenminister erklärte, dass
die Aussage Ecevits nicht die Haltung der türkischen Republik sei.
Die jüdische Lobby der USA kämpfte in vorderster Reihe gegen die
Worte Ecevits. Höflich erinnerte sie ihn in Briefen daran, was die
Türkei alles im Namen des "Kampfes gegen den Terrorismus" mache.
In einem Brief, der von Harold Tanner und David A. Harris im Namen
der jüdischen Komitees in Amerika verfaßt ist, heißt es:
"Arafat hat zur Erreichung seines Ziels anstelle eines politischen
Prozesses auf Massenmorde gesetzt und eine mitleidslose Terrorkampagne
begonnen, unterstützt und toleriert, die einzig und allein das Ziel
verfolgt möglichst viele unschuldige israelische Zivilisten zu ermorden.
Kein zivilisierter Staat kann das dulden. Darum hat auch euer Land,
als es sich der Gewalt der PKK gegenübersah, keine Nachsicht geübt."
In einem anderen Brief, der im Namen vieler jüdischer Institutionen
an die türkische Regierung gerichtet wurde hieß es:
"Die Notwendigkeit und das Ziel der 'Operation Schutzschild' lässt
sich mit der Angriffsbewegung, die euer Staat mit Hilfe der bewaffneten
Kräfte zum Schutz der zivilen Bevölkerung im Nordirak durchgeführt
hat vergleichen.
Noch mehr hat uns dabei überrascht, dass ihr euch gleichzeitig darauf
beruft, dass ihr seit Jahrhunderten den Juden Unterschlupf gewährt
und mit Israel enge Beziehungen pflegt.
Wir wollen im Namen der Vertreter der gemäßigten mosaischen Gemeinde
in Amerika unserer tiefen Enttäuschung über die von euch, unseren
langjährigen Freunden vorgenommene Kommentierung Ausdruck verleihen."
(Zitate siehe Hürriyet, 10. April 2002)
Hier wird Klartext geredet: "Wir haben als jüdische Institutionen
in den USA bislang eure Politik, die ihr z.B. unter dem Mantel des
Krieges gegen die PKK gemacht habt, als im Rahmen des 'Kampfes gegen
den Terrorismus' eingeschätzt, und euch unterstützt. Ihr solltet
euch schämen jetzt etwas, das mit der gleichen Notwendigkeit und
dem gleichen Ziel durchgeführt wurde wie eure Operationen als 'Völkermord'
zu werten. Darüber sind wir zu tiefst enttäuscht! Seid auf der Hut!"
Ecevit hat nicht lange Widerstand geleistet. Er erklärte, dass seine
Worte mißverstanden worden seien, und nahm alles wieder zurück.
Sowohl in seiner Rede in der Gruppensitzung der DSP, als auch vor
dem Parlament, erklärte er, dass er nicht die Absicht gehabt hätte
dem israelischen Volk oder dem israelischen Staat den Vorwurf zu
machen, sie begingen einen Völkermord. Er sei falsch verstanden
worden.
In der türkischen Botschaft in den USA kamen auf Einladung des Botschafters
Faruk Loloğlu die Vertreter der 6 größten jüdischen Gruppen zu einem
Gespräch zusammen. Anschließend gaben sie gegenüber der Anadolu
Agentur eine Erklärung ab in der sie betonten, dass "die Unstimmigkeit,
zu denen es gekommen war, nachdem letzte Woche der Ministerspräsident
Ecevit vom Völkermord sprach ausgeräumt seien. Weiterhin würden
sie die Türkei unterstützen." (siehe Evrensel, 11. April 2002).
Diese Mini-Krise wurde als sprachliche Entgleisung Ecevits, die
aus seinen "plötzlichen und unüberlegten Reaktionen" entsprang (Mesut
Yılmaz) bzw als Worte abgetan, die daherrühten, dass Ecevit "mittlerweise
so veraltert und zurückgeblieben wie seine 'Erika Schreibmaschine'
sei" (Ertuğrul Özkök). So wurde diese Mini-Krise überstanden.
Eigentlich jedoch hatte Ecevit ohne sich dessen bewusst zu sein,
auch wenn es nur einmal alle vierzig Jahre vorkommt die Wahrheit
ausgesprochen.
Aber diese Wahrheit mit diesen Worten auf den Punkt gebracht, entspricht
heute nicht den Interessen der Herrschenden in der Türkei, die zusammen
mit Israel die engsten Verbündeten der USA im Mittleren Osten sind.
Diese Interessen lassen es heute nicht zu, dass sich die türkischen
Herrschenden offen gegen Israel wenden. Sie machen es notwendig
den Krieg Israels als "Kampf gegen den Terrorismus" einzuschätzen
und das Gleichgewicht zu halten.
Alles Gerede wie "Wir sind auf der Seite des palästinensischen Volkes"
wird vervollständigt damit, dass es heißt wir sind aber auch "gegen
den Terrorismus". Somit wird die Tatsache verschleiert, dass der
Krieg Israels ein ungerechter Angriff und Besatzungskrieg ist, und
das Ausmass eines Völkermordes angenommen hat. Israel hat allein
beim Einmarsch in das Füchtlingslager Jenin ungefähr 500 Palästinenser
ermordet. Alle erwachsenen palästinensischen Männer wurden festgenommen,
in Internierungslager geworfen, und unter Folter verhört.
Die Wahrheit läßt sich nicht verheimlichen... Heute führt der zionistische
israelische Staat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Waffen in
Palästina gegen das palästinensische Volk einen allseitigen Krieg
und verübt Massaker. In diesem Krieg steht auf der einen Seite die
Besatzermacht, die mit den modernsten Waffen bis an die Zähne bewaffnet
ist, und auf der anderen Seite ein Volk, das seit 50 Jahren unter
der Besatzung lebt, und nun aufschreit: "Es reicht". Dieses Volk
wehrt sich mit Steinen, Stöcken und allem was ihm in die Hände fällt
gegen eine Militärmacht und Armee, die zu den stärksten der Welt
zählt. Die aggressiven zionistischen Besatzerkräfte erschiessen
in diesem Krieg im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus jeden,
der nur den kleinsten Widerstand gegen die Okkupation leistet! Allein
bei der Besetzung Nablus wird von über 1000 Toten gesprochen.
Israel zwingt das palästinensische Volk vor die Alternativen "Entweder
lebst du als Sklave zu meinen Bedingungen, oder du fliehst, oder
ich bringe dich um." Unter dieser Bedingung vom Völkermord zu reden
ist keine sprachliche Entgleisung, nicht der Ausdruck von Verwirrtheit,
etc. sondern die Wahrheit.
Der Widerstand des palästinensischen Volkes gegen diese massiven
Angriffe, die Forderung nach Beendigung der Okupation durch Israel,
der Wunsch das eigene Schicksal selbst zu bestimmen und dafür zu
kämpfen, ist insgesamt gerecht. Auch wenn als eine Kampfform zur
Erreichung dieser Ziele Selbstmordanschläge gewählt werden, ist
das nachvollziehbar angesichts der Tatsache, dass es kaum eine andere
Chance gibt, den Krieg nach Israel zu tragen. Israel ist in der
Region eine der bestausgerüstetsten und erfahrendsten militärischen
Kräfte und unterdrückt im Innern jegliche Opposition, die sich gegen
die Besatzung stellt mit faschistischen Methoden. Die wirklichen
Verantwortlichen für diese Aktionen, die in einer Hinsicht auch
Ausdruck der Auswegslosigkeit sind, ist der zionistische okupierende
israelische Staat.
In diesem Zusammenhang zu sagen, "Aber die Palästinenser wenden
auch Terror an, was soll Israel da machen" verheimlicht dass der
eigentlich Schuldige und Verantwortliche dieses Terrors die Okkupation
des palästinensischen Bodens durch den israelischen Staat ist.
Heute muss jeder, der für den Fortschritt und die Demokratie eintritt,
seine Stimme gegen das Massaker Israels am palästinensiche Volk
erheben und sich auf die Seite des palästinensischen Volkes stellen,
und "Israel raus aus Palästina" fordern.
In dem Kampf gegen den zionistischen israelischen Staat, gegen die
Massaker dieses Staates sind der Feind nicht die "Juden" oder das
"Judentum". Gegen antijüdische, antisemitische Ansichten und Aktionen,
die sich teilweise auch in der Bewegung zur Unterstützung des gerechten
Kampfes des palästinensischen Volkes entwickeln, muss eine klare
Trennungslinie gezogen werden.
Die Lösung der Palästinafrage liegt letztlich darin, dass die jüdischen
und arabischen Palästinenser auf dem gemeinsamen geographischen
Gebiet nebeneinander in Frieden leben.
Sowohl die Idee des zionistischen Großisraels (Erez Israel), die
vorsieht, die Palästinenser (die palästinensischen Araber) von dem
den "Juden" vorherbestimmten palästinensischen Boden zu vertreiben,
oder bestenfalls als Sklaven leben zu lassen, als auch die antisemitischen
Ideen, dass alle Juden aus allen palästinensischen Gebieten und
ins "Mittelmeer getrieben" werden sollen und ein reines arabisches
Palästina gebildet werden soll, sind rassistische Ideen.
Die Entwicklungen gehen dahin, dass zuerst ein von den Imperialisten
aufgezwungener Waffenstillstand und "Friede" geschaffen wird. Die
heutigen Angriffe Iraels bezwecken ein starkes Faustpfand bei auch
ihm aufgezwungenen Friedensgesprächen in den Händen zu halten. Aber
schon heute ist klar: ein imperialistischer "Frieden" in Palästina,
die Gründung eines Mini-Palästinastaates neben Israel wird, --auch
wenn dies sowohl für das israelische, als auch für das palästinensische
Volk besser ist, als das was heute ist-- keine endgültige und wirkliche
Lösung der Palästinafrage bringen. Eine endgültige und wirkliche
Lösung ist in einer Welt in der Ausbeutung, chauvinistischer Nationalismus,
Imperialismus herrscht nicht möglich. Der "Frieden" in einer Welt
in der es Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte
gibt, ist kein Frieden unter Gleichen. Ein wirklicher Frieden, eine
wirkliche Einheit zwischen den Völkern, eine Verständigung der Völker
untereinander, eine Einheit der Gleichberechtigten kann es erst
geben , "wenn die Völker selber reden", wie Bertolt Brecht in einem
Lied forderte, dh. dann, wenn die heutigen Unterdrückten und Ausgebeuteten
die Herrschaft in den Händen haben. Und das wird unbedingt auch
so kommen.
12. April 2002
("Aufruf für eine Neue Welt", Nr. 56, Mai 2002)
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