Reisebericht aus Kurdistan

12 Stunden fuhren wir von Istanbul nach Dersim. Daß wir uns dem "Südosten" nähern, merken wir an den Kontrollen, die ab Elazig jede halbe Stunde gemacht werden. Es ist, als ob wir uns in einer eigenen, ganz anderen Welt befinden. Und daß es sich auch tatsächlich um eine eigene Welt handelt begreifen wir nachdem was wir erlebten...
Bei den Kontrollen werden die Taschen durchsucht. Wenn man Tee, Zigaretten oder Medizin bei sich hat, muß ihr Besitz einzeln begründet werden. Sogar die Zahl der Kleidungsstücke wird ge-nauestens notiert. Den Weg säumen Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge. Tausende bewaffnete Soldaten mit Hunden beschimpfen und bedrohen uns und machen die Menschen psychologisch fertig. Bei einer Kontrolle halten wir vor einer Militärstation. Aus dem Garten heraus macht uns ein Soldat mit der Hand das "Wolfszeichen". Dies zeigt den Standpunkt dieser Soldaten.
Endlich erreichen wir unseren Landkreis. Als wir erzählen, daß wir bevor wir ins Dorf gehen noch Lebensmittel einkaufen wollen, erklärt man uns, daß wir vor dem Einkauf auf der Polizeistation einen Einkaufsschein abholen müssen, auf dem genaue Angaben und Mengen der Lebensmittel aufgeführt sind. Erst mit diesem Schein können wir losgehen.
Wir laufen also zur Polizeistation. Es ist dreckig und schwül dort. Schimmelgeruch nimmt uns den Atem. Ich vergleiche in Gedanken die "Beamten" mit den Schmutz liebenden Mäusen, die in einem kleinen Loch steckengeblieben sind. Draußen wird zu dieser Zeit ein beladener Minibus durchsucht. Wir gehen in das Sprechzimmer der Polizeistation. ...
Der Polizist an dem Tisch stellt uns Fragen "Warum seit ihr hierher gekommen? Von wo seit ihr? Habt ihr hier ein Haus? Wenn nein, bei wem werdet ihr wohnen? Wie lange werdet ihr hier bleiben?"
Anschließend wird die Lebensmittelmenge festgelegt.
"Was wollt ihr kaufen?"
- "5 Pakete Nudeln, 3 Kilo Reis, ein Sack Mehl, etwas Gemüse, 5 Pakete Margarine, 1 Paket Oliven, 5 Kilo Zucker, und 12 Teegläser..."
- "Fünf Pakete Nudeln sind zu viel, 2 Pakete sind genehmigt. Vom Reis erlaube ich 2 Kilo, vom Zucker 3 Kilo, und nun zu den Teegläsern, warum wollt ihr 12 Gläser kaufen, hast du eben nicht gesagt, ihr seid 3 Personen?"
- "Wenn aber nun Besuch kommt, womit soll ich ihm Tee anbieten?"
- "Das interessiert mich nicht, 6 Stück sind genug!"
Nachdem wir diese erniedrigenden Fragen über uns ergehen lassen mußten, begeben wir uns mit dem Einkaufsschein zum Markt. Dort läuft uns eine Marschlieder singende Militäreinheit entgegen.
Nachdem wir alles erledigt haben, fahren wir sofort zum Dorf. Der Chauffeur hat es sehr eilig. Da nach 16 Uhr die Ein- und Ausreise verboten ist, befürchtet er nicht mehr rechtzeitig anzukommen, und nicht mehr an diesem Tag in den Landkreis zurückzukehren. Auf dem Weg zum Dorf werden wir noch mehrmals von Militärpatroullien kontrolliert. Endlich erreichen wir das Dorf. Wir hoffen nun endlich Ruhe zu haben, aber in den paar Tagen wo wir dort sind werden wir vom Gegenteil belehrt...
Um 20.00 Uhr beginnt die Ausgangssperre. In der Bekanntmachung dazu heißt es, wenn sich nach 20.00 Uhr noch einer auf die Straße begibt, übernehmen wir nicht die Verantwortung. Es wird sofort geschossen. Die Militärstation ist an dem schönsten Ort des Dorfes errichtet. Von dort kann man das gesamte Dorf überblicken. Wenn am Abend einer erkrankt, muß er bis zum nächsten Morgen warten. Wenn du im Dorf spazieren gehen willst, mußt du dich an die vom Militär aufgestellten Grenzen halten. Die Dorfbewohner dürfen ihr Vieh nicht außerhalb des festgelegten Gebietes weiden lassen. Eine Schafherde darf höchstens von zwei Schäfern begleitet werden. Einige Tage vor unserer Ankunft sind Guerillas in ein etwas entferntes Dorf gekommen um Lebensmittel zu besorgen. Sie trafen aber auf eine Militärbarrikade, und nach einer Schießerei flüchteten die Guerillas in den nahegelegen Wald. Sofort am nächsten Tag wurde der Wald vom Militär in Brand gesetzt. Es ist ein sehr großes Waldgelände, das flächendeckend von Militärflugzeugen bombardiert, und abgebrannt wurde. Bei einem Ausflug konnten wir sehen, daß alles schwarz niedergebrannt war, und von einem Hügel aus sahen wir, daß aus dem Wald immer noch Rauch aufstieg.
Das Dorf ist voll mit Soldaten. Es sind so viele stationiert, daß das Wasser der Kaserne für sie nicht ausreicht. Trinkwasser holen sie sich aus den Brunnen der Häuser. Um zu baden benutzen sie die Bäche, die durch das Dorf fließen. Natürlich verbannen sie Frauen und Mädchen für diese Zeit in die Häuser. Und das obwohl sie draußen Unmengen von Arbeit liegen haben. Stundenlang müssen sie auf die Rückkehr der Soldaten warten.
Ich habe mit einer jungen Schäferin des Dorfes geredet. Zusammen mit ihrem alten Onkel bringen sie jeden Tag die Tiere zur Weide. Sie erzählte, daß ihr eines Tages als sie einige Schafe, die sich von der Herde entfernt hatten zurückholen wollte, von drei Soldaten aufgelauert wurde, sie beschimpft und ihr nachstellt wurde. Ohne die Schafe zu finden sei sie schnellstens zu ihrem Onkel zurückgelaufen. Ihm habe sie davon nichts erzählt. Sie meinte, "Trotzdem hatte ich Glück, denn sie haben auf die Entfernung nicht gesehen, daß mein Onkel schon so alt ist, ansonsten hätten sie, da mein Onkel wegen seines Alters mich nicht hätte schützen können, mit mir gemacht, was sie wollten." Auf unsere Frage, warum sie keine Anzeige gemacht habe, meinte sie, "Die sind doch eh alle gleich".
Die Menschen leben in solch miesen Bedingungen. In dem einen Monat, den ich in Dersim war, habe ich so viele fürchterliche Sachen erlebt. Aber in der Stadt in der ich lebe hören wir nur einen winzigen Bruchteil davon. Den größten Teil kriegt man außerhalb nicht mit. Es ist eine eigene Welt. Ein ungerechtes Leben. Es ist zwar richtig wenn man sagt, daß es überall in unserem Land Unterdrückung gibt, aber man kann nicht sagen, daß sie überall gleich schwer ist.
Unser Herz voll mit Schmerzen, verbittert und mit großem Haß haben wir uns von Dersim getrennt...

Eine Leserin von ÇAĞRI ("Yeni Dünya İçin ÇAĞRI", Nr. 6, November 97)