Warum hat Yilmaz Kohl angegriffen?
Yılmaz versucht Sympathie zu gewinnen, indem er sich als Politiker
aufspielt, der Deutschland widerspricht, sich in Worten nicht zurückhält
und an die nationalen Gefühle appelliert. Yılmaz macht nur Show!
Darauf soll man nicht hereinfallen.
Letzte Woche wurden wir Zeuge wie in den deutschen und türkischen
Medien "ein Sturm im Wasserglas entfacht wurde".
Der Sturm begann mit einer Erklärung die Ministerpräsident Mesut
Yılmaz einer englischen Zeitung gab. Darin beschwerte sich Yılmaz
auf eine dem englischen Imperialismus genehme Art über Deutschland.
Er führte aus, daß Deutschland eine wichtige Rolle bei der Verhinderung
des Eintritts der Türkei in die Europäische Union gespielt hat.
Er betonte, daß das Ziel der deutschen Politik vorrangig darin besteht
Osteuropa zu erobern. Das sei ein unverändertes Ziel der deutschen
Politik seit jeher.
Yılmaz benutzte in diesem Interview das deutsche Wort "Lebensraum".
Das entfachte den Sturm. Der Begriff "Lebensraum" wurde zur Zeit
Hitlerdeutschlands für die heutigen osteuropäischen Länder benutzt.
Obgleich dieser Begriff auch schon zu Bismarks Zeiten verwandt wurde,
haben die Völker dieser Länder während der Intervention durch Hitlerdeutschland,
die praktische Bedeutung dieses Begriffes erlebt. Daher assoziert
dieser Begriff Erinnerungen an die Herrschaft Hitlers und hat zu
stürmischen Reaktionen geführt.
Die türkischen Medien haben die Erklärung Mesut Yılmaz zuerst mit
den Worten getitelt "Deutschland führt die Politik Hitlers fort."
Darauf begannen die deutschen Medien ein Geschrei: "Yılmaz hat die
heutige deutsche Politik als eine Fortführung der Politik Hitlers
bezeichnet". Die Politiker waren gezwungen in den Medienkrieg einzugreifen.
Während Bundeskanzler Kohl die Erklärung Yılmaz als "unverschämt"
bezeichnete, forderte der Außeinminister Kinkel "Gott möge Gehirn
regnen lassen für Yılmaz". Das Außenministerium der Türkischen Republik
gab nach diesem Krach die Erklärung ab, Yılmaz habe den Begriff
"Lebensraum" im Sinne von "Hintergarten" (Als "Hintergarten" der
USA werden im Türkischen die lateinamerikanischen Länder bezeichnet.
A.d.Ü.)benutzt.
Bei diese Korrektur ist "die Entschuldigung größer als die Schuld"
. Es gibt nichts zu korrigieren. Beide Begriffe drücken aus, daß
Deutschland imperialistische Interessen verfolgt, und insbesonders
die osteuropäischen Länder als ihr eigenes Hinterland ansehen. Eigentlich
ist das eine richtige Feststellung. Sie gibt Tatsachen wieder. Daß
die herrschende Klasse des deutschen Imperialismus darauf mit solch
lautem Geschrei reagiert liegt daran, daß ein Finger auf ihre Wunde
gelegt wurde.
Ein weiterer Grund ist sicherlich, daß Yılmaz, den der deutsche
Imperialismus als seinen "eigenen Mann" ansieht, das geäußert hat.
Yılmaz ist einer der politischen Vertreter der türkischen herrschenden
Klassen der aus der "deutschen Schule" kommt. Er hat engste Beziehungen
zu deutschen Politkern. Das so jemand nun gegen Deutschland Stellung
nimmt, hat die deutschen Politiker, und insbesonders zweifelsfrei
die heutige Regierung enttäuscht und verärgert.
Gut, aber warum hat Yılmaz so geredet?
Dafür gibt es zwei Gründe:
Erstens Yılmaz ist selbst enttäuscht worden. Er wollte als der Politiker,
der die zerrütteten Beziehungen zur Europäischen Union wieder ins
Lot bringt in die Geschichte eingehen. Darauf hatte er große Hoffnungen
gesetzt. Er erwartete sich bei seinen Bemühungen Unterstützung von
Deutschland, da er die Refahyol Regierung, die Deutschland und den
anderen westlichen Imperialisten überhaupt nicht ins Konzept passte,
stürzte und beste Beziehungen zu den deutschen Politikern pflegt.
So wurde auf dem Treffen, das vor dem Luxemburggipfel der Europäischen
Union, in Deutschland stattfand, von der türkischen Delegation Unterstützung
von Seiten der BRD eingefordert. Kohl selbst hat auf diesem Treffen
mit den Worten Ôohne die Türkei ist eine Europäische Einheit undenkbarÕ
den Anschein erweckt, die Forderung zu unterstützen.
Auf dem Gipfel in Luxemburg stand jedoch die deutsche Delegation
an der Spitze derer, die die These vertraten, daß die Türkische
Republik noch nicht reif für eine Vollmitgliedschaft sei.
Das war für Yılmaz, der mit dem Anspruch angetreten war, die Beziehungen
zur EU zu glätten eine große Enttäuschung und Niederlage. Darum
hat Yılmaz laut die Realität der deutschen Politik ausgesprochen,
die zwar eigentlich jeder kennt, aber nicht laut ausspricht. Yılmaz
rächt sich für seine Niederlage.
Zweitens. In diesem Jahr gibt es in Deutschland Bundestagswahlen.
Sowohl Umfragen, als auch die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen
zeigen, daß die heutige Kohlregierung aller Wahrscheinlichkeit nach
abtreten wird, und in Deutschland im November mit großer Wahrscheinlichkeit
eine sozialdemokratische-grüne Koalitionsregierung antreten wird.
Yılmaz berechnet, daß die Beziehungen zu Deutschland langfristig
nicht über die heutigen Regierungsparteien laufen wird, und daß
es langfristig nicht schaden sondern nutzen wird, wenn er ihnen
heute die Stirn bietet. Das sind die Gründe warum Yılmaz Kohl angreift.
Zweifelslos hat Yılmaz nicht nur die Wirkung seiner Äußerung in
der Auslandsöffentlichkeit, sondern auch im eigenen Land bedacht.
Yılmaz steht vor vorgezogenen Wahlen. Alles was es sagt und tut
macht er auch in Berechnung auf diese Wahlen hin. Er versucht Sympathie
als Politiker zu gewinnen, der Deutschland die Stirn bietet, die
nationalen Interessen der Türkei verteidigt, kein Blatt vor den
Mund nimmt, und die nationalen Gefühle streichelt.
Yılmaz macht Show! Darauf soll man nicht hereinfallen!
16. März 1998
("Yeni Dünya İçin ÇAĞRI", Nr. 11, April 98)
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