Eine kommunistische Kämpferin...
Das Leben und der Kampf von Inès Armand
Inès Armand wurde am 16. 6. 1875 als Tochter einer englischen
Mutter und eines französischen Vaters in Paris geboren. Sie entstammte
einer bürgerlichen Familie, ihre Mutter gab Schauspiel- und Gesangsunterricht,
ihr Vater war Opernsänger. Der Vater starb früh und ließ sie, ihre
Mutter und zwei Schwestern verarmt zurück.
Eine ihrer Tanten war Lehrerin und ging ein paar Jahre nach Inès'
Geburt begleitet von der Großmutter nach Rußland, um den Kindern
reicher Familien Französisch beizubringen. Da die nun alleinerziehende
Mutter nur über sehr begrenzte finanzielle Mittel verfügte, nahmen
sie Inès mit, um für sie zu sorgen. Von da an lebte sie bei den
beiden Frauen in Moskau, wo sie eine glückliche und behütete Kindheit
verlebte. So wurde sie sehr musikalisch erzogen. Wenn sie in späteren
Jahren auch wenig Zeit und selten die Möglichkeit hatte, blieb das
Klavierspielen immer eine ihrer besonderen Leidenschaften: Begeisterte
sich für Literatur, sprach neben ihrer Muttersprache Französisch
fließend Russisch und Englisch und auch sehr gut Deutsch.
Ihre Tante und ihr Großmutter unterichteten als Privatlehrerinnen,
u. a. bei einer französischstämmigen Industriellenfamilie namens
Armand. Die Armands waren eine sehr große Familie, die seit vielen
Generationen in Rußland, in Puschkino, ca. 30 km von Moskau entfernt,
lebte. Inès begleitete die beiden Frauen oft dorthin, wo sie ihren
späteren Mann, Alexander Armand, kennenlernte. Die beiden heirateten
als Inès 18 war, ein Jahr nachdem sie selbst ihr Examen als Lehrerin
abgelegt hatte. Sie ließen sich auf einem Gut der Familie in der
Nähe von Puschkino nieder, wo sie 1894 mit 19 Jahren ihren ersten
Sohn Alexander zur Welt brachte.
Bei den Armands herrschte eine sehr lockere Atmosphäre. Zwischen
den verschiedenen Generationen gab es einen sehr regen politischen
Austausch. Wenn es sich bei den Diskussionen auch um bürgerliche
handelte, machten sie sie dennoch wachsam gegenüber dem Elend, in
dem die meisten Menschen in Rußland lebten, dem Hunger, den Epidemien
usw. In Anbetracht dieser Ungerechtigkeiten wollte sie nicht nur
tatenlos herumsitzen. Da sie ein Examen als Lehrerin hatte, lag
es nahe, auf dem Besitz ihrer Familie eine Schule für die Kinder
des Ortes zu gründen und zu unterrichten. Auf diese Weise kam sie
unmittelbar mit den Problemen der Bäuerinnen in Kontakt, ihrer Rolle
als Frau, der sklavenartigen Ausbeutung etc.
In dieser Zeit, d. h. zwischen 1896 und 1901 brachte sie drei weitere
Kinder zur Welt: Fedor, Inna und Warwara.
Seit 1900 verbrachte die Familie den Winter in Moskau, wo sie das
politische Leben interessiert verfolgte. In der "gehobenen Moskauer
Gesellschaft", mit der sie durch ihre Familie zu dieser Zeit
zu tun hatte, galt es als schick, sich als Revolutionäre zu geben
und entsprechend zu diskutieren. Von den Exzessen des materiellen
Überflusses angewidert, organisierte Inès sich in einem Zirkel gegen
Prostitution. Sie besuchte Krankenhäuser und setzte sich für bessere
Hygiene ein. Sie versuchte die Ursachen der Prostitution zu erforschen,
verteilte Geld und suchte für betroffene Frauen Arbeitsplätze. Sie
erkannte jedoch schnell, daß sie so nur einigen helfen konnte, es
aber sehr viele gab und die Gesellschaft diesen Frauen keinerlei
Chance gab. Besonders geschockt war sie über die sehr verbreitete
bürgerliche Ansicht, die Prostitution habe es schon immer gegeben
und werde es auch immer geben und müsse eben akzeptiert werden und
-da sie als Kind sehr religiös erzogen worden war- über die Haltung
der Kirche, die die Ansicht vertrat, es würde der Institution der
Familie schaden, wenn die Prostitution verboten werden würde.
Auf ihrer Suche nach einem Ausweg stieß sie zum ersten Mal auf sozialistische
Schriften. Die dort vertretene Auffassung der Gleichstellung der
Geschlechter beeindruckte sie sehr. Es war nicht ungewöhnlich, daß
es ursprünglich die Frauenfrage war, die sie zum Sozialismus brachte.
Mit ihrer neugewonnenen politischen Meinung stand sie in ihrer Familie
nicht ganz alleine, denn auch einige der Armands sympathisierten
mit dem Bolschewismus.
1903 ging sie aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr nach Lausanne,
wo sie ihr fünftes Kind Andrej zur Welt brachte. In der Schweiz
las sie sehr viel politische Literatur, besonders über die Auseinandersetzung
zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki, und begann, regelmäßig
Diskussionsveranstaltungen zu diesem Thema zu besuchen.
Als sie 1904 nach Moskau zurückkehrte, war sie politisch überzeugt
und betätigte sich in der Sozialdemokratie. Ihre erste politische
Aktion bestand im Schmuggeln illegaler Literatur in einem großen
Koffer mit doppeltem Boden. Rußland war zu dieser Zeit in Aufruhr,
Streiks und Demonstrationen waren an der Tagesordnung und Inès warf
sich in die praktische Arbeit.
Während der 1905er Revolution ging man im Zusammenhang mit den Streiks
und Aufständen im ganzen Land verstärkt gegen Revolutionäre vor.
Im Januar wurde bei Inès und ihrem Mann eine Hausdurchsuchung durchgeführt.
Diese richtete sich eigentlich gegen Sozialrevolutionäre, da bei
ihnen aber sozialdemokratische Literatur gefunden wurde und die
Verantwortlichen sich des Unterschieds nicht bewußt waren, wurde
sie verhaftet. In diesen Monaten landeten jeden Tag neue Menschen
im Gefängnis: Ob Sozialrevolutionäre, Bolschewiki, Menschewiki,
Anarchisten o. a., sie wurden in den Zellen alle bunt zusammengesteckt.
Da Inès im Gefängnis keine Möglichkeit hatte, sich anderweitig politisch
zu betätigen, trieb sie die Diskussionen zwischen den Gefangenen
voran und propagierte den Bolschewismus. Im Oktober desselben Jahres
machte der Zar einige scheinheilige politische Zugeständnisse, so
z.B. an die Pressefreiheit etc. Von diesen scheinbaren Zugeständnissen
profitierten auch Inès und andere politische Gefangene und kamen
aus dem Gefängnis frei. Schon im Dezember wurden jedoch alle Versprechungen
wieder zurückgenommen und die Regierung ging um so härter gegen
Revolutionäre und Aufständische vor. In den darauffolgenden Wochen
arbeitete Inès nächtelang in Druckereien, und schaffte illegale
Zeitungen hin und her.
Die Menschen, mit denen sie in all den Jahren zusammenarbeitete
legten, wenn sie sich über Inès äußerten, viel Wert drauf, daß sie
niemals abgehoben von den Massen auftrat, sondern im Umgang mit
Menschen immer sehr schlicht und aufrichtig und um so überzeugender
war. Als besondere Fähigkeit wurde ihr großes Talent, anderen etwas
zu erklären, hervorgehoben: Sie erklärte immer solange, bis sie
auch den letzten überzeugt hatte. Ihre älteste Tochter Inna schrieb
einmal über sie: Sie war äußerlich sehr zurückhaltend und sogar
ein wenig verschlossen, in Wirklichkeit aber ein sehr geselliger
und zuvorkommender Mensch und verstand es, das Vertrauen und die
Liebe ihrer Umgebung zu gewinnen. "Man kam nicht nur in Parteiangelegenheiten
zu ihr, sondern auch, um sich Rat und Hilfe zu holen oder einfach
nur, um ein wenig auszuruhen."
1906 trennte sich Inès von ihrem Mann. Für den Anlaß dieser Trennung
gibt es verschiedene Vermutungen. Z. T. wird behauptet, sie habe
sich aus Illegalitätsgründen und um ihre Kinder nicht den ständigen
Hausdurchsuchungen auszusetzten von ihm getrennt (Jean Fr...ville,
"Une grande figure de la r...volution russe: Inès Armand").
Einer zweiten Version zur Folge trennte sie sich von ihrem Mann,
weil sie sich in dessen Bruder Vladimir verliebt hatte (Pawel Podljaschuk,
"Inessa"). Die zweite Version dürfte die zutreffende sein,
denn Vladimir begleitete sie trotz seiner angeschlagenen Gesundheit
ein Jahr später in die Verbannung nahe dem Polarkreis. Außerdem
schrieb sie bei dessen Tod in einem Brief: "Sein Tod bedeutet für
mich einen unersetzlichen Verlust, denn mein ganzes persönliches
Glück war ja mit ihm verbunden, und ohne persönliches Glück läßt
sich das Leben sehr schwer ertragen." (zitiert nach: P. Podljaschuk)
So hätte sie sich wohl nicht geäußert, wenn es sich, wie es J. Fr...ville
meint, nur um einen guten Freund gehandelt hätte. Wenn ihr Mann
auch eine liberale politische Haltung hatte und sie in ihrer politischen
Arbeit immer so weit wie möglich unterstützte, mag hierfür letztendlich
auch mitbestimmend gewesen sein, daß Vladimir wie sie selbst Bolschewik
war und ihre politischen Ansichten ganz und gar mit ihr teilte.
An dieser Stelle soll etwas zu ihren Kindern gesagt werden. Wenn
sie ihre Kinder wegen ihrer durch die politische Arbeit und erzwungenen
Emigration bedingten häufigen Abwesenheit in Rußland auch immer
nur sporadisch sah, hatte sie dennoch großen Einfluß auf sie und
ihre Erziehung. Daß von den fünf Kindern vier Kommunisten wurden,
ist sicher größtenteils ihr Verdienst. Wegen der seltenen gemeinsam
verbrachten Momente, versuchte sie die Erziehung der Kinder u. a.
in ihrer regen Korrespondenz systematisch zu leiten. So schrieb
sie z. B. aus der Schweiz an ihre Tochter Inna: "Man muß schon seinen
Willen durchsetzen. Aber übertreiben würde ich natürlich nichts.
Man muß immer das Maß der Dinge kennen, und während man für Grundsätzliches
stets bis zu Ende kämpfen sollte, selbst wenn dies Leiden oder gar
Schlimmeres mit sich bringen kann, lohnt es sich bei Kleinigkeiten
nicht, bis zum Äußersten zu gehen. Glaube mir, ich weiß das zum
großen Teil aus Erfahrung, Schüchternheit und mangelndes Selbstbewußtsein
sind im Leben hinderlich. Wenn fähige und kluge Menschen allzu schüchtern
sind, kommen nur dümmere, aber dreisterte Leute vorwärts, drängen
sie die klügeren beiseite. So kommt es zu einer Auswahl mit umgekehrten
Vorzeichen, was bedauerlich und auch schädlich ist, wie man es nimmt.
Mehr Courage also! Reiß Dich zusammen und zwing Dich, mitteilsamer
und beherzter zu sein. Du bist doch stark, Du schaffst das schon."
(zitiert nach: P. Podljaschuk, S. 97f.)
1907 wird sie insgesamt drei Mal verhaftet, zuletzt zusammen mit
ihrer ganzen Zelle wegen illegaler Herstellung von Flugblättern.
Nach drei Monaten werden alle entlassen, nur Inès wird als besonders
gefährlich eingestuft und für zwei Jahre nach Mesen, nahe dem Polarkreis
deportiert. Hierbei handelte es sich um einen beliebten Ort, um
politische Häftlinge zu deportieren, denn es war nur ein ganz kleiner
Ort, folglich gab es auch keinerlei Möglichkeit der politischen
Betätigung. Für Inès muß die Zeit, die sie in Mesen verbrachte,
die schlimmste ihres Lebens gewesen sein. Abgesehen von den katastrophalen
Wetterbedingungen, die sich sehr negativ auf ihre ohnehin schon
angeschlagene Gesundheit auswirkten, wuchs ihr die erzwungene Untätigkeit
über den Kopf. Zwar versuchte sie mit einigem Erfolg unter den Verbannten
regelmäßig Diskussionsabende etc. zu organisieren, doch füllte sie
diese Tätigkeit auf die Dauer natürlich nicht aus. 1908, nachdem
sie ein Jahr in der Verbannung durchgehalten hatte, nahm sie eine
günstige Gelegenheit war und floh. Sie ging erst nach Moskau und
lebte dort einige Monate illegal. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten
war ihr die Ochrana (die zaristische Geheimpolizei) aber schnell
auf den Fersen, so daß sie alsbald gezwungen war, in's Exil zu gehen.
1909 ließ sie sich in Brüssel nieder und holte für einige Monate
ihre drei jüngsten Kinder zu sich. Getreu ihren internationalistischen
Grundsätzen war sie sofort in der belgischen Arbeiterbewegung politisch
aktiv. Nebenher schrieb sie sich in der Uni ein und besuchte verschiedene
Vorlesungen.
Ein Jahr später, 1910, ging sie nach Paris. Zu dieser Zeit befanden
sich auch Lenin und andere Bolschewiki dort, folglich war das politische
Leben sehr rege. In Paris begegnete sie zum ersten Mal Lenin und
begann, seine Korrespondenz an ausländische Sozialisten zu übersetzen.
1911 organisierten u. a. Inès, Lenin und Krupskaja in Longjumeau,
einem ländlichen Vorort von Paris, eine Parteischule für bolschewistische
Kader. Neben der ganzen organisatorischen Arbeit, die anfiel, gab
Inès dort mehrere Vorlesungen, u. a. über die Arbeiterbewegung in
Westeuropa. Neben der politischen Arbeit verband sie von nun an
auch eine enge persönliche Freundschaft mit Lenin und Krupskaja.
1912 ging Lenin in das nahe der russischen Grenze gelegene Krakau,
da es in Rußland viele Unruhen gab und er sich einen günstigen Moment
für seine Rückkehr und die anderer Exilanten erhoffte. In diesem
Zusammenhang erteilte er Inès und einem anderen Genossen den Auftrag,
mit falschen Pässen nach Rußland zurückzukehren, um dort ein Untergrundorgan
wiederaufzubauen. Nach einigen Monaten intensiver Arbeit wird sie
trotz der von ihr getroffenen Sicherheitsvorkehrungen erneut verhaftet.
Dieses Mal wird sie ausschließlich mit unpolitischen, Gefangenen
in eine Zelle gesteckt, um zu verhindern, daß sie politische Propaganda
betreiben könnte. Wegen der Nässe und der schlechten Ernährung im
Gefängnis erkrankt sie an Tuberkulose. Nachdem sie fast ein Jahr
im Gefängnis saß, konnte ihr Mann nach vielem Hin und Her endlich
gegen ein hohe Kaution ihre Freilassung bewirken. Nach ihrer Freilassung
ließ sie sich 1913 zusammen mit Lenin und Krupskaja in der Schweiz
und einige Monate später in Frankreich nieder. In Paris gab sie
eine Zeitung speziell für Arbeiterinnen ("Rabotniza") heraus,
um diese zu aktivieren. Insgesamt erschienen sieben Ausgaben dieser
Zeitung, dann wurde sie eingestellt, weil fast alle dreißig an der
Herausgabe dieser Zeitung beteiligte Redakteurinnen verhaftet wurden.
Ein Jahr später,1914, ging sie wegen ihrer Tuberkulose zur Erholung
nach Dalmatien, von wo aus sie an mehreren internationalen Konferenzen
teilnahm. Ein Beispiel für das große Vertrauen, das Lenin in sie,
ihr Diskussion- und Propagandavermögen hatte, ist die Brüsseler
Einigungskonferenz. Obwohl sie sich diese schwere Aufgabe zunächst
nicht zutraute, überredete er sie, statt seiner zur Konferenz zu
fahren, den von ihm verfaßten Bericht des ZK zu verlesen und den
Standpunkt der Bolschewiki zu vertreten. Zahlreiche Briefe belegen,
wie wichtig es ihm war, daß gerade Inès fahren sollte:
Liebe Freundin! "Im Auftrage des ZK wende ich mich an Dich mit der
Bitte, Dein Einverständnis zu geben, daß wir Dich delegieren. Die
Ausgaben für die Reise bezahlen wir. (... )Ich würde Dich bitten,
zuzustimmen. Du kennst Dich gut in all unseren Angelegenheiten aus,
sprichst ausgezeichnet französisch(...), also, antworte sofort,
zögere keine Stunde. Sage zu! (...) Sage zu, wirklich! Für Dich
wird es eine Abwechslung sein, und der Sache bringst Du Nutzen."
(Lenin, Briefe, Band III, S. 304f.)
"Liebe Freundin! Ich habe schreckliche Angst, daß Du ablehnst, nach
Brüssel zu fahren, wodurch Du uns in eine völlig unmögliche Lage
bringen würdest. (...)Natürlich muß man außer einem ausgezeichneten
Französisch auch Verständnis für das Wesen der Sache und Takt mitbringen.
Außer Dir haben wir niemanden. Deshalb bitte ich Dich, von ganzem
Herzen bitte ich Dich, wenigstens für einen Tag zuzusagen." (Lenin,
Briefe, Band III, S. 308.)
"Meine liebe Freundin! Ich bin gewiß, daß Du zu den Menschen gehörst,
die wachsen und sicherer, stärker und kühner werden, wenn sie allein
auf verantwortlichen Posten stehen, und darum weigere ich mich beharrlich,
den Pessimisten zu glauben, d. h. denen, die da sagen, daß Du...
kaum... Unsinn, alles Unsinn! Ich glaube es nicht! Großartig wirst
Du zurechtkommen! In ausgezeichneter Sprache und mit Festigkeit
wirst Du mit ihnen allen fertig werden, und Vandervelde wirst Du
nicht erlauben, Dir über den Mund zu fahren und zu schreien" (Lenin,
Briefe, Band III, S. 315).
"Liebe Freundin! Ich bin Dir für Deine Zusage außerordentlich dankbar.
Ich bin einfach überzeugt, daß Du Deine wichtige Aufgabe ausgezeichnet
lösen wirst" (Lenin, Briefe, Band III, S. 322).
Die folgenden 2 1/2 Jahre bedeuteten für sie intensive Arbeit: Sie
übersetzte Lenins Korrespondenz, beteiligte sich mit ihm an internationalen
Konferenzen und trat als offizielle Vertreterin der Bolschewiki
auf.
Während des Krieges baute sie besonders auf die Propaganda unter
den Frauen. In diesem Zusammenhang wollte sie eine Broschüre über
freie Liebe schreiben. Sie hatte auch schon ein Konzept, doch kritisierte
Lenin dieses Konzept z. T., weil er der Meinung war, daß es in bestimmten
Punkten mißverständlich sei und von ihren politischen Gegnern als
günstige Gelegenheit aufgegriffen werden würde, um ihr bürgerliche
Ansichten zu unterstellen, die zu verteidigen ihr fernlag. Nach
einer brieflichen Auseinandersetzung mit Lenin, in deren Verlauf
sie sich, wie es sich aus dessen Briefen entnehmen läßt, nicht im
vollen Umfang von der Doppeldeutigkeit einiger der von ihr aufgezählten
Punkte überzeugen ließ, ließ sie den Plan fallen, aber wohl eher
wegen ihrer sonstigen politischen Aufgaben als wegen Enttäuschung
oder Entmutigung.
Sie führte auch eine rege Korrespondenz mit kommunistischen Frauen
in Europa, so z. B. mit Clara Zetkin und Alexandra Kollontai. Im
März 1915 nahm sie an der internationalen Frauenkonferenz in Bern
teil, in deren Verlauf sie mit einigen anderen anwesenden Bolschewikinnen
auf der Forderung nach der Umwandlung des imperialistischen Krieges
in einen Bürgerkrieg beharrte. Wenn sie dies auch nicht als allgemeine
Losung der Konferenz durchsetzen konnten, so zumindest, daß es in
den Schlußbericht der Versammlung aufgenommen wurde.
1915 wurde ein Komitee gegründet, das die Arbeit der Bolschewiki
im Ausland anleiten sollte, und dessen Mitglied Inès wurde. 1916
ging sie wieder nach Paris, um dort die Ansichten der Zimmerwalder
Linken zu verteidigen.
1917 konnten Lenin, Inès u. a. , insgesamt 19 Bolschewiki, nach
Rußland zurückkehren. Nach vielen Problemen bzgl. der Fahrtroute
erhielten sie die Erlaubnis, mit der Eisenbahn durch Deutschland
zu reisen. In Rußland angekommen, trennten sich ihre Wege: Inès
ging nach Moskau, weil sie endlich wieder bei ihren Kindern sein
wollte. Dort arbeitete sie an einer Frauenzeitschrift, die sich
"Das Leben der. Arbeiterin" nannte. Auf ihre Veranlassung hin wurde
innerhalb des Moskauer Parteikomitees eine spezielle Kommission
für die Arbeit unter den Frauen gegründet.
Die Arbeit, die Inès in dieser Zeit leistete, war enorm: 1918 wurde
sie vom Kongreß der Moskauer Arbeiter- und Bauernsowjets in's Präsidium
gewählt, sie war Vorsitzende des ökonomischen Rats in Moskau und
besuchte in diesem Zusammenhang ständig Fabriken und Firmen, unterhielt
sich mit den Menschen, die dort arbeiteten, erstellte Pläne und
Statistiken, kümmerte sich in diesem Zusammenhang um viele wirtschaftliche
Fragen. Sie saß im Büro des Moskauer Exekutivkomitees, war Mitglied
des ZK's der Partei und leitete deren Frauenabteilung. 1919 wurde
sie nach Frankreich geschickt, um sich um das Schicksal der sich
dort in Kriegsgefangenschaft befindlichen russischen Soldaten zu
kümmern.
Wegen der Überarbeitung, der Unterernährung und ihres Lungenleidens
seit der Zeit in der Verbannung ging es ihr gesundheitlich immer
schlechter. Viele Freunde, u. a. Lenin und Krupskaja, drängten sie,
eine Weile wegzufahren, um sich etwas zu erholen. Da sie jedoch
meinte, die Arbeit müßte getan werden und sie ungerne jemand anders
überlassen wollte, ließ sie sich erst überzeugen, als ihr jüngster
Sohn Aljoscha an Tuberkulose erkrankte und es sehr kritisch um ihn
stand. Sie fuhren zusammen in ein Sanatorium in den Kaukasus. Als
sie sich gerade zwei Wochen dort aufhielten, wurde es wegen weißgardistischer
Kämpfe in der Umgebung immer gefährlicher, so daß entschieden wurde,
daß alle Patienten das Sanatorium verlassen sollten. Inès half bis
zum Ende bei der Evakuierung, weigerte sich jedoch, selber zu gehen,
bis sie von den Ärzten gezwungen wurde. Sie fuhr bei extremer Hitze
in einem völlig überfüllten Waggon. Weil die Bahngleise unterwegs
durch die Kämpfe blockiert waren, hingen sie vier Tage in einem
Kleinstadtbahnhof fest in dessen Umgebung die Cholera wütete. Inès
steckte sich an und starb drei Tage später am 24. 9.1920.
Anläßlich ihres Todes schrieb Krupskaja: "Möge die Erinnerung an
Inès Armand in den Herzen aller, die die Befreiung der Werktätigen
als ihre Lebensaufgabe betrachten, in den Herzen der Parteigenossen,
in den Herzen der Arbeiterinnen und Bäuerinnen lebendig bleiben.
Die Sache, für die Inès so leidenschaftlich gekämpft hat, die Sache
des Kommunismus, wird siegen, daran ist nicht zu zweifeln".
("Yeni Dünya İçin ÇAĞRI", Nr. 12 Mai 98)
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