Es ist so schwer ein Kind zu sein!

Auf dieser Welt ist es schwer ein Kind zu sein. Die Kinder der
werktätigen Klassen sind von allen, die vom Zahnrad der Unterdrückung
und Ausbeutung zermalmt werden, die allerschwächsten, die, die am
ungeschütztesten dastehen. Von den schätzungsweise 2,85 Milliarden
Kindern auf der Welt, lebt die grosse Mehrheit in Armut und Hunger,
ohne Bildung in den ungesundesten Verhältnissen und ist tagtäglich
Gewalt ausgesetzt. Es ist solch eine Welt, in der über eine Milliarden
Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben, und über 600 Millionen
hungern müssen. Jeden Tag sterben 30.500 Mädchen und Jungen unter
5 Jahren aus Gründen, die zu verhindern wären. In den "Schwellenländern"sind
174 Millionen Kinder unterernährt und jedes Jahr sterben 2 Millionen
Kinder an Krankheiten, die durch fehlendes sauberes Wasser und Armut
hervorgerufen werden. Und das ist nur die ins Auge springende Spitze
des Elendes, unter dem die Kinder dieser Welt leiden.
In unserem Land sind die Kinder
die ärmsten der Armen.
Nach den zuletzt im Oktober anlässlich des "Weltkindertages" veröffentlichten
Daten leben in der Türkei 9 Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze.
...Um nicht mehr zu hungern, und in der Hoffnung, aus der Armut,
--sei es auch nur ein wenig--, herauszukommen, werden kleine Kinder
zu Werktätigen. Kinder sind gezwungen zu arbeiten, um das Familieneinkommen
zu unterstützen oder sogar als Alleinverdiener mit ihrem Einkommen
die Familie zu ernähren.
Nach offiziellen Statistiken sind in der Türkei über eine Million
Kinder zwischen 6 und 14 Jahren gezwungen zu arbeiten, um zum Familieneinkommen
beizutragen. Diese Statistik umfasst hauptsächlich Kinder, die als
Fabrikarbeiter und gegen Lohn arbeiten. In Wirklichkeit liegt jedoch
die Zahl der Kinder, die gezwungen sind durch ihre Arbeit die Familie
mitzuerhalten viel höher. In ländlichen Gebieten sind die Kinder
gezwungen als Viehhüter, in der Landwirtschaft und als unbezahlte
FamilienarbeiterInnen zu arbeiten.
Ein Teil der Kinderwerktätigen müssen in einem Alter, in dem sie
am meisten lernen könnten, Schwerstarbeit verrichten. Nach einem
Bericht des Ministers für "Arbeit und soziale Sicherheit" arbeiten
Kinder "in Adana, Mersin, Hatay, Gaziantep und Şanliurfa in der
kalten und heissen Metallverarbeitung, in Ankara, Eskişehir, Samsun
und Çorum in der Möbelproduktion und Polsterei, in Antalya, Isparta
und Burdur im Hotel und Gaststättengewerbe, in Bursa und Balikesir
in der Bekleidungsindustrie, in Istanbul und Izmir in der Lederschuhproduktion,
in Izmir, Uşak und Denizli in der Ledertextilindustrie, in Samsun,
Çorum und Malatya in der Autoreparatur und Lackiererei." Selbst
die Inspektoren des Ministeriums für "Arbeit und soziale Sicherheit"
stellen fest, dass diese Arbeitszweige zu den "risikoreichsten Arbeitsbereichen"
gehören, in denen explosive, gesundheitsschädliche und gefährliche
Stoffe benutzt werden. Diese Kinder, deren physische und geistige
Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, müssen unter Bedingungen
arbeiten, die ihrem Alter überhaupt nicht entsprechen. Ohne jeglichen
Schutz werden sie grausamst ausgebeutet. Sie erhalten die niedrigsten
Löhne und arbeiten ohne jegliche Versicherung, und ohne irgendeine
soziale Sicherheit.
Ein weiterer Teil der Kinder, die gezwungen sind zu arbeiten, sind
die "Strassenverkäufer", die Kaugummi, Taschentücher und Wasser
verkaufen. Obgleich die Türkische Republik Dutzende internationale
Abkommen zur Verhinderung der Kinderarbeit unterschrieben hat, müssen
Hunderttausende Kinder im schulpflichtigen Alter in diesem Land
aufgrund ihrer Armut, ohne eine Schulausbildung zu beenden, den
Arbeitskampf aufnehmen. Sie werden von ihren Eltern, die selbst
gegen Hunger und Elend ankämpfen müssen, gezwungen oder dazu motiviert
zu arbeiten. Liegt die Schuld dafür bei den Eltern? Natürlich nicht!
Aber der Staat der Türkischen Republik, der vorgibt gegen Kinderarbeit
anzugehen, hat einen leichten Ausweg gefunden: Die Eltern, die angeblich
die Hauptschuldigen sind sollen bestraft(!) werden. Die Gouverneure
haben sich gesetzliche Grundlagen geschaffen, und eine Operation
begonnen, um die "Strassenkinder" "wieder auf den richtigen Weg"
zu bringen. Dafür arbeiten die Angestellten der "sozialen Dienste
und des Kinderschutzbundes" Hand in Hand mit der Polizei. Kinder,
die auf der Strasse verkaufen, werden eingesammelt, es wird verhindert,
dass sie weiterhin verkaufen und gegen die Familien dieser Kinder
wird Anzeige erstattet.
- Gegen den Vater des 14 jährigen Bahattin Demir, der zuvor schon
zweimal beim Wasserverkauf erwischt wurde, wurde Anklage mit der
Forderung nach "bis zu 6 Monaten Gefängnisstrafe" erhoben.
Ömer Demir, Vater von 9 Kindern, aus einem Dorf bei Mardin, das
"aufgrund des Terrors" entvölkert wurde, kam nach Istanbul um zu
arbeiten. Er hatte keine andere Wahl, als auch seinen Sohn arbeiten
zu schicken. Denn vor drei Jahren wurde der Vater, als er als Lastenträger
arbeitete, von einem Auto angefahren und ist seitdem arbeitsunfähig.
(Hürriyet, 6. Oktober 2000)
- Ein weiteres Beispiel: Die zehnjährige Leyla, die vor MacDonalds
Taschentücher verkaufte, wurde von Verantwortlichen bei Mac Donalds
gepackt und in den Kühlraum eingesperrt. Begründung war: sie würde
die Kunden stören. Kunden, die die Schreie des Kindes hörten, griffen
ein und befreiten sie. Gegen den Vater von Leyla wurde Anklage erhoben
und eine 18 monatige Gefängnisstrafe gefordert.
Leylas Vater arbeitete 13 Jahre als Textilarbeiter. Aber seit drei
Jahren ist er durch eine Nierenerkrankung arbeitsunfähig. Um die
fünfköpfige Familie zu ernähren musste auch Leyla Erniedrigungen,
Beschimpfungen und Schläge hinnehmen, um Geld nach Hause zu bringen.
- In Izmir wurde gegen eine Mutter Anklage erhoben und eine 5 jährige
Haftstrafe gefordert, weil sie ihre 12 und 14 jährigen Kinder als
Schuhputzer arbeiten liess. Die Mutter sagte, dass sie wegen finanzieller
Schwierigkeiten die Kinder aus der Schule genommen und arbeiten
geschickt hat. Sie fragt: "Wenn sie nicht arbeiten dürfen, sollen
sie denn klauen gehen?"
Die Kinderstrassenverkäufer sind seit jeher besonders den Brutalitäten
durch die Polizei ausgesetzt. Wenn sie auf die Strasse zum Arbeiten
gehen, nehmen sie es in Kauf, ständig erniedrigt, verjagt, geschlagen
und getreten zu werden. Nach den neuesten Statistiken arbeiten allein
in Istanbul von den dort lebenden 11 Millionen Kindern 5000 auf
der Strasse und ein Grossteil von ihnen (69%) sind Kinder, die aus
"den östlichen und südöstlichen Gebieten" umgesiedelt sind. Diese
letzte Verordnung der Gouverneure ist eine Kriegserklärung an diese
Kinder, die in der Praxis gar keine andere Wahl haben, als arbeiten
zu gehen. Anstatt Massnahmen zu ergreifen und Bedingungen zu schaffen,
damit diese Kinder ihrem Alter entsprechend in die Schule gehen,
eine Ausbildung machen können, damit sie mit ihren Altersgenossen
gemeinsam spielen können, werden die Eltern verantwortlich gemacht.
Im gleichen Erlass heisst es, dass auch diejenigen, die den Kindern
etwas abkaufen, sich strafbar machen. Das bedeutet, dass die Gewalt
gegen die Kinder, die diese sowieso durch die Polizei, die Geschäftsbesitzer
und andere Verkäufer erfahren, nun noch mehr geschürt wird, und
die Kinder nun auch noch in Konflikt mit ihren Kunden gebracht werden.
Das sind die Methoden mit denen der faschistische türkische Staat
gegen die Kinderarbeit kämpft! Die Menschen werden aus ihrem Dorf,
ihrem Wohnort vertrieben, ins Heer der Arbeitslosen gestoßen, ohne
jegliche Hoffnung gelassen, und wenn sie dann durch Hunger und Elend
gezwungen sind, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, dann wird die
Schuld dafür auf ihre Rücken abgewälzt und sie werden auch noch
dafür bestraft! Das zeigt noch einmal, dass der Staat der Türkischen
Republik nicht gegen die Armut, sondern gegen die Armen einen Krieg
führt. Er versucht lediglich den Schein zu wahren.
Kinder ohne Schule, ohne Bildung,
ohne Zukunft!
Der Staat, der großspurig vom geplanten Übergang zur 8 jährigen
Grundschule redete, ist weit davon entfernt die Bedingungen für
die schulische Erziehung der Kinder, die heute im schulpflichtigen
Alter sind, zu schaffen. Zum Schuljahrbeginn 2000-2001 wurde festgestellt,
dass in "Ost- und Südostanatolien" 123.000 Kinder die Schule nicht
besuchen können, weil es nicht genug Schulen und Lehrer gibt. Darüberhinaus
sind nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern die Kinder
gezwungen, anstelle zur Schule zu gehen, zu arbeiten. Entsprechend
des herrschenden patriarchalen Verständnisses sind es hauptsächlich
Mädchen, die anstelle in die Schule für 2-3 Millionen türkische
Lira Tageslohn (entspricht etwa 6,- DM) in die Baumwollfelder geschickt
werden. Für sie gilt Schulbildung als nicht wichtig.
Jedes Jahr werden die Ausgaben der Eltern für die Schule weiter
erhöht. Das verschliesst den Kindern der Armen de fakto den Weg
zur Schulbildung. Es sind die Kinder der Werktätigen, die gar keine
oder aufgrund von materiellen Schwierigkeiten nur eine sehr unzureichende
Schulbildung erhalten. Somit haben sie auch keine Möglichkeit einen
guten Beruf zu erlernen. Sie sehen nicht vertrauensvoll in die Zukunft,
sondern haben Angst arbeitslos zu sein. Bleibt übrig zu sagen, dass
auch wenn die Werktätigen alles opfern um ihre Kinder in die Schule
zu schicken, das nicht bedeutet, dass sie eine gute Schulbildung
erhalten. Der faschistische Staat betreibt in den Schulen die "Gehirnwäsche".
Er impft den Kindern Nationalismus ein und anstelle sie die Fähigkeit
selbständig zu denken zu lehren, setzt er auf das sture Auswendiglernen.
Ungesunde Kinder!
Die Armut trifft am meisten die Kinder! Viele die geboren werden
haben noch nicht einmal die Chance zu leben. In der Türkei sterben
50 von tausend Kindern bevor sie das 5. Lebensjahr erreichen. Die
Türkei gehört zu den 75 Ländern, die die höchste Kindersterblichkeitsrate
haben. Entsprechend dem Bericht der UNICEF hat jedes dritte Kind
durch Mangelernährung Entwicklungs- und Wachstumsstörungen. Im "Osten"
und "Südosten" ist die Lage der Kinder noch schlimmer. Bei 30% der
Kinder, die im "Osten" leben, hat man unzureichende Ernährung festgestellt.
19% der Kinder leiden daher an Kleinwuchs. Unzureichende ungesunde
Ernährung, im jungen Kindesalter schwere Arbeit, ohne Arzt und ohne
Medikamente ... Das Schicksal der Kinder von armen Werktätigen ist
von Beginn an ruiniert.
Kinder erleben Gewalt!
Das Leben der werktätigen Kinder wird nicht nur durch Armut und
Hoffnungslosigkeit bestimmt. Hinzu kommt noch Gewalt. Ab dem Tag
wo die Kinder ihre Augen auf die Welt öffnen sehen sie sich schon
Gewalt gegenüber und mit Gewalt werden sie gross. Gewalt erfahren
sie nicht nur von der Polizei, die die Strassenverkäufer vertreiben!
Die Eltern sind es selbst, die versuchen ihre Kinder mit "Prügel
zu erziehen". "Wen Gott lieb hat, den züchtigt er"! "Wer seine Tochter
nicht schlägt, wird es bereuen", "Wer durch freundliches Zureden
nicht zur Vernunft kommt, dem muss man drohen. Wer durch die Drohung
nicht zur Vernunft kommt, der hat Schläge verdient"...Was die Lehrer
in der Schule in dieser Frage nur halb fertig gemacht haben, das
vervollständigen die Eltern zu Hause! Nach dem Sprichwort "Das Fleisch
gehört dir, die Knochen mir"! Es wird geschätzt, dass in unserem
Land in der Schule 4 von 5 Kindern Gewalt erleben. Auch Kinder die
arbeiten "erhalten ihren Anteil". Entweder schlägt der Meister oder
ein älterer Arbeiter das Kind. Entsprechend dem Verständnis "der
Kleinere wird zerdrückt" erfahren Kinder schwerste Gewalt. Von Klein
auf wird in sie hineingeprügelt, dass die Grossen stark, und ein
Auflehnen gegen sie gefährlich ist. Natürlich ist es sehr schwer
von Kindern, die unter solchen Bedingungen grosswerden zu erwarten,
dass sie sich später selbstsicher gegen Ungerechtigkeit wehren,
ihre Rechte einfordern. Hier sind die klassenbewussten ArbeiterInnen
und Werktätigen gefordert. Keiner hat das Recht gegen Kinder Gewalt
auszuüben! Gewalt ist keine Erziehungsmethode! Gewalt ist ein Mittel
der Unterdrückung und Einschüchterung und die brauchen wir nicht!
Lassen wir nicht zu, dass unsere Kinder bei der Polizei, am Arbeitsplatz
geprügelt werden. Und vor allem, erheben wir selbst nicht die Hand
gegen unsere Kinder.
Und vergessen wir nicht, unser Kampf ist für die Kinder dieser Welt!
November 2000
("Aufruf für eine Neue Welt", Nr. 40/2000)
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