Umwelt
Über den Umweltfolgebericht:
WER GELD BEZAHLT, BEKOMMT DIE UNBEDENKLICHKEITSBESCHEINIGUNG!
Der ehemalige Tourismus- und Kulturminister der ANAP (Vaterlandspartei)
Mükerrem Taşçıoğlu verkündete in den 80'er Jahren:
"In der Türkei ist Umweltschutz Luxus, das ist wie einem Bettler
eine Krawatte umzubinden"(!)
Dieses offenherzige Geständnis wurde zum Leitfaden aller Umweltminister
in der Türkei. Dieses Land hat schon viele Umweltminister gesehen.
Vom Umweltminister, der sich für den Bau von Atomzentralen einsetzt,
über Umweltminister, die in Umweltschutzgebieten Wasserkraftwerke
bauen wollten bis zu solchen, die sich dort für Wärmekraftwerke
einsetzten!
In der Türkei hat der Umweltminister nicht die Aufgabe die Umwelt
zu schützen, sondern die Umwelt im vorgegebenen gesetzlichen Rahmen
zu zerstören. Es liegt auf der Hand was in Bergama, in Akkuyu, in
Fırtına Vadisi, Uzungöl, Yatağa, Gökova, Hasankeyf, Belkis und anderen
Orten geschehen ist. Das Umweltministerium hat seit seiner Gründung
bis heute keine einzige Massnahme zum Schutz der Umwelt ergriffen.
Im Gegenteil, jeder neue Umweltminister liess uns den alten vermissen!
Wir haben gesehen, dass die Umweltminister nicht nur nichts tun
um die Umwelt zu schützen, sondern darüberhinaus noch nicht einmal
über ein Minimalwissen über die Umwelt und Natur verfügen.
Stellvertretend sei hier der ehemalige Umweltminister Imren Aykut
zitiert: "Die Atomenergie ist eine sehr saubere Energie, die kein
Kohlendioxid abgibt."
In diesem Artikel wollen wir über den ÇED Bericht berichten, der
die Vernichtung der Umwelt mit gesetzlichem Anstrich ermöglicht.
Die Ausführungsvorschriften für die Erstellung eines Umweltfolgeberichtes
traten mit der Veröffentlichung am 7. Februar 1993 in der Resmi
Gazete (türkisches Gesetzblatt A.d.Ü.) in Kraft. Gesetzlich ist
demnach vorgeschrieben, dass bevor ein Wärmekraftwerk, eine Atomzentrale,
ein Wasserkraftwerk, errichtet wird, zuerst ein Unbedenklichkeitsbericht
über die Umweltfolgen vorgelegt werden muss. Wenn dieser Bericht
positiv ist, erhält die Firma die Genehmigung für den Bau der Anlage,
wenn er negativ ist, wird sie verweigert. Das ist die Logik des
ÇED.
Wenn eine Firma ein Projekt plant für das ein ÇED Bericht notwendig
ist, so sucht sie sich selbst einen Gutachter oder eine Institution
aus, die berechtigt ist solch einen Bericht zu erstellen. Wenn nun
die auftraggebende Firma sich selbst aussuchen kann, wer den Bericht
erstellt, sie für den Bericht bezahlt, wie wird dann wohl der Bericht
aussehen? Ist es überhaupt vorstellbar, dass er dann negativ ausfällt?
Wenn wir zurückschauen, können wir anhand verschiedener Beispiele
darlegen, wie mit den ÇED verfahren wird:
- In den 80'er Jahren war geplant in Izmir Aliağa ein Wärmekraftwerk
zu bauen. Die japanische Firma EPDC hatte sich dafür beworben. Sie
gab den ÇED Bericht in Auftrag. Und natürlich erhielt sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Nur durch den Kampf der ansässigen Bevölkerung und durch einen langwierigen
juristischen Kampf von Umweltschützern konnte der Bau des Wärmekraftwerkes
verhindert werden. Es wurde verzichtet das Kraftwerk in Aliağa zu
errichten, aber beschlossen eines an einem anderen Ort in der Türkei
zu bauen.
- In Bergama im Dorf Ovacık plante die Firma EUROGOLD mit der Quecksilbermethode
Gold abzubauen. EUROGOLD vergab an Professor Orhan Uslu die Erstellung
einer Unbedenklichkeitsbescheinigung. Sie bezahlten auch dafür.
Was kam wohl dabei heraus? Dass die Förderung von Gold mit dem Quecksilberverfahren
für die "Umwelt unschädlich ist, da das Quecksilber weder den Boden
noch das Grundwasser vergiftet, und der Gesundheit der dort lebenden
Bauern nicht schadet".
- Bei dem Bau des Çan Wärmekraftwerkes sieht es nicht anders aus.
Der von der Firma TÜBITAK Untersuchungszentrale Marmara vorgelegte
ÇED Bericht wurde vom Umweltminister bestätigt. Der Baugrund für
das Kraftwerk liegt in einem stark erdbebengefährdeten Gebiet. Selbst
wenn wir das einmal unberücksichtigt lassen, schadet solch ein Kraftwerk
der Umwelt. Die giftigen Gase, die dieses Kraftwerk ausstösst, vernichten
die Wälder und Pflanzen der Kazberge.
- In Fırtına Vadisi ist die Situation ähnlich. Die Firma BM Holding
beauftragte die englische Gesellschaft Knight Piesold mit dem ÇED
Bericht. Als der Umweltminister den von ihr vorbereiteten ÇED Bericht
als ungenügend einstufte, wurde damit die einheimische Firma Parmaş
A. Ş. beauftragt. Zwei verschiedene Berichte dieser Firma wurden
mit der gleichen Begründung abgelehnt. Der Zusatzbericht, den diese
Firma dann abgab, wurde am 26. Juni, dem Tag der Grundsteinlegung
des Kraftwerkes vom Umweltministerium angenommen. Obgleich das Umweltministerium
für dieses Kraftwerk bei seinen eigenen Fachleuten eine Untersuchung
in Auftrag gab, die besagte, dass dieses "Kraftwerk die natürliche
Struktur" zerstören würde,", hat dann das Umweltministerium grünes
Licht für den Bau des Kraftwerkes gegeben.
Diese Beispiele zeigen, wie die ÇED Berichte erstellt werden. Die
Institutionen und Personen, die diese Berichte erstellen, gehen
nicht mit wissenschaftlichen Standards, die Natur und Umwelt an
erste Stelle setzend, an diese Aufgabe heran. Sondern sie beteiligen
sich für den Profit mit an der Vernichtung der Umwelt. Der Umweltminister
hat entsprechend der ÇED Berichte in Sivrihısar, Gümüşhane, Artvin,
Eskişehir und Bergama erlaubt, mit dem Quecksilberverfahren Gold
zu schürfen.
Es zeigt sich, dass wenn die Natur für den Profit ausgeplündert
wird, wenn das Ziel der Produktion noch mehr Profit ist, dass dann
das Umweltministerium den gesetzlichen Rahmen für die Zerstörung
der Natur bietet, und die Logik "Bezahlst du, kriegst du deinen
Unbedenklichkeitsbericht" sich nicht ändert.
Es gibt nur einen Weg um der Zerstörung der Natur ein Ende zu setzen.
Auch wenn dieser Weg sehr weit entfernt aussieht, gibt es keine
andere Alternative als die Revolution. Wenn der Bewusstseinsgrad
und das Organisierungsniveau der ArbeiterInnen und Werktätigen diese
Stufe erreicht haben, dann haben sich die Ausbeuter der Natur vorzusehen
April 2001
("Aufruf für eine Neue Welt", Nr. 45/2001
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