Haussklaverei ist kein Schicksal
Organisiert die Hausfrauen!

Frauen LogoZwischen dem 25. und 29. Oktober 1995 wird in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens der "Weltkongreß der Hausfrauen der Welt" initiiert.
An dem Kongreß, dessen Gastgeberin die "Union der Argentinischen Hausfrauen" ist beteiligen sich Vertreterinnen der Hausfrauenorganisationen Italiens, Spaniens, Portugals, Deutschlands, Rußlands, Polens, der Dominikanischen Republik, Mexikos, Brasiliens, Uruguays, Paraguays, Perus, Indiens, und der aus Südafrika.
Das Ziel des Kongreß ist auf die ökonomischen und sozialen Probleme der Hausfrauen aufmerksam zu machen, und auch international eine Plattform für den Kampf herauszuarbeiten.
Parallel zu dieser Entwicklung hat es auch in der Türkei einen ersten Vorstoß der Hausfrauen gegeben, um auf sich aufmerksam zu machen. In Mersin hat eine Gruppe Frauen eine Unterschriftenkampagne für die Anerkennung des Rechtes der Hausfrauen auf Rente begonnen.
Ihr Aufruf lautet:
-Nach Ankara zum Minister für Soziale Sicherheit!
Wir Hausfrauen, die wir bis heute gezwungen sind weit mehr als einen achtstündigen Arbeitstag zu leisten, wir, die wir für einen Hungerlohn alle Arbeiten, die als primitive Arbeit, als Hausarbeit bezeichnet wird, leisten;
wehren uns dagegen, daß die Arbeit die wir machen noch nicht mal als Arbeit angesehen wird, und messen unserer Arbeit Bedeutung bei. Wir denken nicht, daß Kinder gebären und sie aufzuziehen, die Erledigung der gesamten Hausarbeit, (selbst dann wenn wir eine Spül- oder Waschmaschine haben), die Lösung der Probleme der Kinder, die wir meistens alleine übernehmen, die Vorbereitung unserer Männer für den nächsten Arbeitstag, die Durchführung sämtlicher Einkäufe für den Haushalt, unwichtige und einfache Arbeiten sind.
Wir Hausfrauen, die wir in der Funktion einer Erzieherin, Wäscherin, Spülerin, Büglerin, Köchin, Putzfrau, tätig sind, wir,die sowohl für das Einkaufen verantwortlich, als auch psychologische Ratgeberin für unsere Männer und Kinder sind, die wir diese Tätigkeiten als unsere Lebensaufgabe ansehen, und für die wir häufig andere Fähigkeiten von uns geopfert haben, wollen daß diese Arbeit bei der Rente angerechnet wird, und fordern uneingeschränktes Rentenrecht.
Wir wollen keine schönen und leeren Worte wie ëFrauen sind wertvoll, Frauen sind eine Blume, sie tun soviel Gutes daß es nicht aufzuwiegen (bezahlbar) istí etc., sondern unsere Rechte.ì
Die Frauen, die sich nicht mehr mit schönen aber leeren Worten über die ënicht aufzuwiegenden (bezahlbaren) Taten der Frauen und Mütterí, einlullen lassen wollen, während gleichzeitig die Hausarbeit noch nicht mal als Arbeit angesehen wird, sagen zu den Herren (und auch Damen): versucht zumindestens unsere nicht aufzuwiegenden (bezahlbaren) Taten zu bezahlen, und gewährt uneingeschränktes Rentenrecht.
Was ist unsere Haltung in dieser Frage, und welches sind unsere Forderungen? In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Arbeit, die Hausfrauen machen, die Hausarbeit und Kindererziehung bestenfalls als "Privatarbeit" angesehen. Wie diese "Privatarbeit" organisiert wird interessiert die Kapitalisten und ihren Staat überhaupt nicht.
Dem/der lohnarbeitenden männlichen, oder weiblichen Arbeiter/in (wenn beide arbeiten beiden) wird ein bestimmter Lohn (meistens nur soviel um nicht des Hungers zu sterben) gezahlt, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Das ist alles.
Die Höhe des Lohns bestimmt ob man sich eine Waschmaschine oder Spülmaschine, die einen Teil der Hausarbeit erleichtert, leisten kann, oder nicht, ob um einen Topf Essen auf den Tisch stellen zu können, die Märkte nach den billigsten Angeboten abgesucht werden müssen, oder nicht, ob es für die Kinder gute Betreuungs- und Erziehungsmöglichkeiten gibt oder nicht.
Die kapitalistische Gesellschaft ist aber gleichzeitig eine Männerherrschaft. Die Hausarbeit und Kindererziehung ist in dieser Gesellschaft die Angelegenheit der Frau, auch dann, wenn die Frau als Lohnempfängerin außerhalb des Hauses arbeitet. Die Frauen sind es, die dem Profit der Kapitalisten weiteren Profit hinzufügen, die Arbeitskräfte gebären, aufziehen und Tag für Tag reproduzieren.
In unserem Land (Türkei/Nordkurdistan) ist die Institution der Ehe für circa 10 Millionen Hausfrauen die einzige Sicherheit. Die Sicherheit, daß solange die Ehe besteht, sie als Gegenleistung für ihre Arbeit mehr oder weniger gesättigt werden und die Sicherheit nicht Hungern zu müssen! Das ist der Hauptgrund, warum die Frauen trotz aller Erniedrigungen, trotz Prügel durch den Ehemann an der Institution der Ehe festhalten.
Hausfrauen, die um mit den Worten unserer Mütter zu reden "mit Aufopferung dienen" haben keinerlei eigene Absicherung. Sie sind dazu verurteilt lebenslang Bittsteller bei ihrem Mann oder ihren Kindern zu sein. Insofern ist ein Kampf um uneingeschränktes Recht auf Rente eine gerechte Forderung. Aber diese von einer Gruppe Frauen aus Mersin aufgestellte Forderung läßt offen, wie diese durchzuführen ist, und ist an diesem Punkt unzureichend. Wir fordern an diesem Punkt ein Rentensystem, das von dem Staat und den Kapitalisten getragen wird!
Wir bleiben hierbei nicht stehen, sondern stellen auch die Forderung nach der Bezahlung der Hausarbeit auf. In der kapitalistischen Gesellschaft, in der die Hausarbeit als eine "Privatarbeit" organisiert ist, bieten die Frauen ihre Arbeit, die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist, unentlohnt an. Dies dient dazu die Kosten für die Arbeitskraft niedrig zu halten, und fügt dem Profit des Kapitalisten weiteren Profit hinzu. Darum ist es gerecht zu fordern, daß die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Arbeit entlohnt wird, und der Lohn dafür von den Kapitalisten und seinem Staat bezahlt wird.
Diese Forderung ist so wie alle anderen Forderungen der ArbeiterInnen und Werktätigen, die auf eine Begrenzung der kapitalistischen Ausbeutung abzielen, eine demokratische Forderung, für die es notwendig ist zu kämpfen.
Aber es ist nicht möglich solch eine gerechte Forderung durch Bittschriften an das "Ministerium für Arbeit und Soziale Sicherheit" und mit Unterschriftenkampagnen durchzusetzen. Für einen Erfolg ist der organisierte Kampf ausschlaggebend. Darum sagen wir "Unentlohnte Haussklaverei ist kein Schicksal, organisiert die Hausfrauen!"
Die Haussklaverei auf den Müllhaufen der Geschichte! Organisiert die Hausfrauen!
Wir Kommunisten sind gegen die "Haussklaverei" sei sie nun unentlohnt oder entlohnt.
Sei es nun, daß die Frau unter dem Einfluß der Ideologie der Männerherrschaft die Rolle der Hausfrau selbst verinnerlicht, sei es, daß sie wegen Arbeitslosigkeit oder der Kinderbetreuung etc. gezwungen ist das Hausfrauendarsein zu wählen, Hausfrauendarsein bedeutet daß die Frauen lebenslänglich an die Küche und das Kinderzimmer gefesselt sind, abstumpfen; und ihre weiteren Fähigkeiten nicht entwickeln können.
Das ist nicht nur für die Hausfrauen selbst, sondern insgesamt für die ganze Gesellschaft ein großer Verlust. Aus diesem Grund sind wir dagegen, die Hausarbeit wie es im Kapitalismus der Fall ist, als "Privatarbeit" zu organisieren.
So sehr auch die Entlohnung der Hausarbeit die Ausbeutung der ArbeiterInnen und Werktätigen im allgemeinen, und im besonderen die Ausbeutung der Frauen begrenzt, ändert sie doch überhaupt nichts an ihrer Organisierung als "Privatarbeit".
Wir kämpfen für ein System, in dem die Hausarbeit und die Kindererziehung insgesamt vergesellschaftet, und alle Frauen und Männer als gleichberechtigte Individuen ihre Fähigkeiten der Gesellschaft anbieten. Diese Gesellschaft ist die kommunistische Gesellschaft.
Unser Endziel für das wir schon heute kämpfen ist "Arbeit für jede/n", "Für jedes Kind einen Krippen/Kindergartenplatz!", "Vergesellschaftung der Hausarbeit!" Ohne den Kampf für diese unsere programmatische Forderung auch nur einen Moment zu vernachlässigen, unterstützen wir die Forderung "Entlohnung der Hausarbeit durch die Kapitalisten und den Staat", und versuchen darüberhinaus den Kampf der Hausfrauen -der auch diese Forderung umfaßt- zu organisieren. Das ist die grundlegende Trennungslinie, die uns von den bürgerlichen VerteidigerInnen der Frauenrechte unterscheidet.

10. August 1995
("Aufruf für eine neue Welt", Nummern 17, Sept. 1995)