DER FEMINISMUS-VORWURF
- DIE LETZTE WAFFE DES
MÄNNERCHAUVINISMUS
INNERHALB DER REVOLUTIONÄREN REIHEN
Frauen, die in revolutionären Gruppierungen aktiv kämpfen und
sich insbesondere für die Befreiung des weiblichen Geschlechts einsetzen,
stoßen häufig auf die Anschuldigung des "Feminismus".
Dieser Angriff läßt jede revolutionäre Frau, die sich den Kampf
zur Befreiung der Frauen im Kampf der ArbeiterInnenklasse zu eigen
macht und aus der marxistischen-leninistischen Literatur weiß, daß
der Feminismus dem Wesen nach eine bürgerliche Ideologie ist, eine
Verteidigunsposition einnehmen. Der uns aus der Kindheit gut bekannte,
erhobene Zeigefinger droht diesmal nicht"du hast schon wieder
etwas angestellt", sondern "verfechte bloß keinen Feminismus!"
Welche revolutionäre Frau möchte schon als Feministin abgestempelt
werden?! Kann die Verteidigung der bürgerlichen Ideologie, des Feminismus,
eine richtige Seite haben? Selbstverständlich nicht! Nein, aber
es ist wichtig genau hinzuschauen, aus welcher Ecke der Angriff
kommt, und was im konkreten vorgebracht wird. Die Erfahrungen zeigen,
daß die Feminismus-Anschuldigungen oftmals bodenlos sind, und ihre
Vertreter selbst nicht unbedingt eine korrekte marxistische/leninistische
Position einnehmen. Vielmehr ist der "Feminismus-Vorwurf"
auch innerhalb der revolutionären Reihen die letzte Waffe des Männerchauvinismus.
Selbstverständlich wollen wir damit nicht sagen, daß einzelne revolutionäre
Frauen in diesem oder jenem Punkt auch feministische Tendenzen vertreten
oder daß die revolutionäre Frauenbewegung nicht von feministischer
Ideologie/Politik beeinflußt werden kann. Die Frage ist, ob bei
einer Beurteilung "feministische Abweichung" noch einmal
hinterfragt wird, ob es sich tatsächlich darum handelt, oder ob
mit männerchauvinistischen Positionen gegen gerechte Frauenforderungen
vorgegangen wird. Und an diesem Punkt müssen wir feststellen, daß
viele, die sich in etlichen Situationen mit festen Kampfpositionen
zur Verteidigung der Interessen des Klassenkampfes sowie gegen die
in die revolutionäre Bewegung "einsickernde" "bürgerliche
Ideologie" brüsten, überhaupt keine richtige Position vertreten.
Wir sind sicher, daß die am aktiven Kampf teilnehmenden revolutionären
Frauen dies aus ihrer tagtäglichen Arbeit kennen und uns zustimmen.
Selbstverständlich haben wir diese Diskussion nicht aufgegriffen
um sie hier zu beenden, sondern sie muß weitergeführt werden. Konkreter
Anlaß für dieses Thema ist ein Artikel mit einer nicht alltäglichen
Position.
In "Özgürlük Dünyası" erschien in der Januarausgabe 1995
ein Artikel mit dem Titel "Verzerrung der Begriffe in der Frauenbewegung".
Wir wurden auf diesen Artikel aufmerksam, weil er versucht innerhalb
der werktätigen Frauenbewegung gegen die "feministische Abweichung"
zu kämpfen.
Der Verfasser geht auf die Aktivitäten und Kampagnen der "Emekci
Kadinlar Birligi" (Vereinigung der werktätigen Frauen) ein
und schätzt die von ihm angeführten "Fehler", als feministische
Beeinflussung ein kritisiert sie und warnt davor. Bis hierher gut
und schön...
An Frauen, die sich selbst innerhalb der revolutionären Frauenbewegung
sehen oder die die Aufgabe angepackt haben, eine revolutionäre Frauenbewegung
zu schaffen, den Aufruf zu machen, den sich auf der Grundlage der
bürgerlichen Ideologie aufbauenden Feminismus auf "ideologischer
Basis zurückzuschlagen", ist zunächst nichts entgegenzusetzen.
Daß dies als Aufgabe angesehen wird, ist ganz natürlich. Das Aufzeigen
und Kritisieren von Fehlern und Abweichungen das die Möglichkeit
schafft, sich von ihnen zu befreien, spielt eine weiterentwickelnde
Rolle für die Bewegung. Aber nur unter einer Bedingung! Wenn die
Kritik dem Inhalt nach richtig und fortschrittlich ist. Genau an
diesem Punkt versagt der Verfasser.
Bevor wir uns genauer damit auseinandersetzen, möchten wir noch
folgendes unterstreichen: Die Kritik des Verfassers des Artikels
in Özgürlük Dünyası wendet sich direkt gegen die "Emekçi Kadinlar
Birligi" und ihre Aktivitäten. Aus diesem Grund steht zuerst
dem Kritisierten eine Antwort auf die Kritiken zu. Wenn wir hier
Stellung beziehen, dann nicht, um die "Emekci Kadinlar Birligi"
zu verteidigen (das haben sie sicherlich nicht nötig), sondern weil
die Kritiken auch unsere ideologisch politische Ausrichtung betreffen.
Dem Verfasser nach fängt alles mit der "Verfälschung der Begriffe"
an. Unter der İberschrift "Die Verfälschung der Begriffe in
der Frauenfrage hat ein ideologisches Ziel" wird behauptet,
daß sich die Begriffe des sich auf bürgerlicher Ideologie aufbauenden
Feminismus in die werktätigen Frauenorganisationen eingeschlichen
haben. Oder, anders ausgedrückt, einige Begriffe, die die Feministinnen
verwenden, würden auch von revolutionären kommunistischen Frauen
benutzt und das zeige die Beeinflussung durch den Feminismus. Tatsächlich
wäre eine der wichtigsten Aufgaben marxistischer Frauen die marxistische
Literatur zu verteidigen und Verfälschungen zu unterbinden. (Siehe:
"Verzerrung der Begriffe in der Frauenbewegung", Özgürlük
Dünyası, Januar l995, Nr 75, S. 77-80)
Kommen wir dazu, welche Begriffe der Verfasser meint und mit welcher
Begründung er sie ablehnt. Zuerst geht es um den Begriff "junge
Frau". Der Verfasser kritisiert:
"In der Sprache tauchen fremde Begriffe auf, die nicht mit
der Politik der Frauenorganisationen, die das System angreifen,
vereinbar sind. Einer davon ist der Begriff 'junge Frau' (im türkischen
"genç kadın", A.d.İ). Warum wird dem Begriff 'junges Mädchen'
(im türkischen "genç kız", A.d.İ.)der Begriff 'junge Frau'
vorgezogen? Der Versuch diesen Begriff innerhalb der mündlichen
und schriftlichen Sprache der revolutionären, kommunistischen Frauen
durchzusetzen, ist nichts anderes als eine Widerspiegelung des Versuchs
den Kampf der werktätigen Frauen durch die Kanäle des Feminismus
zu verwässern.
Diejenigen, die die Benutzer des Begriffs 'junges Mädchen' mit 'Feudalsein'
kritisieren, wissen sehr wohl was mit diesem Wort ausgesagt wird,
daß damit nicht die 'Jungfräulichkeit' gemeint ist. Aber was kann
man schon erwarten? In der Hektik ihre 'Geschlechtsideologie' zu
entschuldigen, führen sie unzusammenhängende Gründe an und machen
'besserwisserisch' aus einer Maus einen Elefanten. So wie jede Klasse
verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft um ihr Ziel zu erreichen,
so durchläuft auch der weibliche/männliche Mensch während der gesamten
Lebensdauer in ähnlicher Weise, in physischer, moralischer und ethischer
Sicht, bestimmte Entwicklungsstufen. Die Bezeichnung 'junges Mädchen'
bedeutet nichts anderes als gesund und blühend, dynamisch, uneingeschränkte
Energie, blinder Mut sowie die Jugendzeit des weiblichen Geschlechts.
Das Wort Frau bedeutet nichts anderes als die Entwicklungsstufe
der Reife. Nach den Ausdrücken ëkleines/r Mädchen/Junge wird der
kleine Junge bevor er zum Mann wird erst zum delikanlıí (für einen
männlichen Jugendlichen wird im türkischen der Begriff "delikanll"
= "verrücktes Blut" benutzt. Diese Bezeichnung sagt aus,
daß der männliche Jugendliche in dieser Zeit stürmisch, feurig,
impulsiv, ein wenig verrückt, etc. ist/sein darf. Für eine weibliche
Jugendliche gilt dies alles natürlich nicht. A.d.V.) das kleine
Mädchen jedoch soll demnach ohne zum ëjungen Mädchení zu werden,
eine Frau sein. Das verzerrt den natürlichen Gebrauch der Sprache
und verleumdet im Namen der Frauenrechte einen Teil der natürlichen
Weiterentwicklung des jungen 'Mädchenseins'".
Wenn ein so kleines Wort der Grund für so eine Diskussion sein kann,
wenn darüber "unglaublich große Theorien aufbautª werden können,
dann zeigt sich, daß diese Diskussion ein gesellschaftliches Problem
anschneidet und damit auch einen wunden Punkt (der Gesellschaft)
trifft. Der Verfasser hat an einem Punkt recht. Es ist nicht nur
eine Diskussion um Begriffe, sondern es geht um eine Herangehensweise,
die die politische Haltung an diesem Punkt deutlich zeigt. Es gibt
einige Begriffe, deren Bedeutung nur im Zusammenhang mit der jeweiligen
Situation der Gesellschaft zu erkennen sind. Das bedeutet gleichzeitig,
daß gleiche Begriffe in verschiedenen Gesellschaften verschiedenes
aussagen oder zusammen mit Veränderungen der Gesellschaft eine neue
Bedeutung erhalten können. Der Begriff "junges Mädchen"
hat in unserer Gesellschaft, in der Jungfräulichkeit eine unglaublich
wichtige Rolle spielt, sehr wohl neben der Benennung des Geschlechts
der Jugendlichen eine weitere Bedeutung. Während jedes männliche
Kind nach der Periode Kind zu sein, in den Zeitabschnitt der Pubertät
als "delikanlı" eintritt, ist ein "junges Mädchen",
das nach dem "Kindsein" mit ca. 14-15 Jahren heiratet
bzw. verheiratet wird, und dadurch die "so wichtige Jungfräulichkeit"
auf "offiziellem" Weg verliert, dann eine "Frau".
Hier geschieht genau das Gegenteil von dem was der Verfasser behauptet.
(Nach der Kindheit kommt das "Erwachsensein", ohne die
Jugendzeit zu erleben für die Frau.) An diesem Punkt ist das Problem
nicht die "natürliche Wortwahl", sondern die gesellschaftliche
Realität und das übersieht der Verfasser geflissentlich. Der Inhalt,
den der Verfasser dem Begriff "junges Mädchen" unter Ausklammerung
der gesellschaftlichen Realität gibt, kann nur in einer Gesellschaft,
in der die Jungfräulichkeit nicht mehr die Rolle spielt, die sie
heute in unserer Gesellschaft hat der Inhalt dieses Begriffes sein.
Aber bis dahin haben wir noch einen langen Kampf vor uns. Lassen
wir RevolutionärInnen und KommunistInnen beiseite, dieser Kampf
ist die Aufgabe jeder/ s sich fortschrittlich demokratisch nennenden
Frau/Mann. Das alles als "feministische Abweichungen"
abzutun und auf Kreuzzüge dagegen zu ziehen fördert diesen Kampf
sicherlich nicht.
Unter den Voraussetzungen, unter denen nicht nur der Staat, die
Gesellschaft und Familie sich als "Jungfrau-BewacherInnen"
aufspielen, sondern auch in den revolutionären kommunistischen Reihen,
in denen der fortschrittlichste Teil der Gesellschaft organisiert
ist, diese Ansichten auch immer noch in unterschiedlichem Ausmaß
existieren, ist es unbedingt notwendig, eine klare Haltung einzunehmen.
Der Vorschlag, anstelle des Begriffs "junges Mädchen",
den Begriff "junge Frau" zu benutzen und damit die Diskussion
über diese Frage auf die Tagesordnung zu setzen und ein Bewußtsein
darin zu schaffen ist eine richtige und fortschrittliche Haltung.
Daß diese Diskussion zuallererst von Feministinnen begonnen wurde
ändert nichts an ihrer Richtigkeit.
Das bedeutet aber nicht, daß jeder, der den Begriff "junges
Mädchen" benutzt des "Feudalismus" bezichtigt wird,
wie der Verfasser dies zu karikieren versucht. Wir sind uns völlig
im klaren, daß der Kampf gegen solche Werte und Gewohnheiten (dazu
gehören auch Sprachgewohnheiten) konstant geführt werden muß. Aber
es ist ein großer Unterschied, ein Wort aus Gewohnheit zu benutzen,
weil man sich des Problems noch nicht bewußt ist, oder den Vorschlag
eines alternativen Wortes bewußt aus fingierten Gründen abzulehnen
und als theoretische Abweichung zu bezeichnen. Eine solche Ablehnung
ist feudal oder ein bürgerlicher reaktionärer, männerchauvinistischer
Standpunkt.
Der von dem Verfasser "entdeckte" zweite angeblich vom
"Feminismus verdrehte Begriff" ist der Begrif "Männerherrschaft".
An diesem Punkt steht der Verfasser nicht alleine da. Eine Reihe
opportunistischer Organisationen (einschließlich der revolutionären
Frauen dieser Linie) lehnen Begriffe wie "Männerherrschaft"
,"patriarchale Gesellschaft" ab und behaupten, daß diese
Begriffe eine "Abweichung von der marxistischen Terminologie"
seien.
Der Ausgangspunkt für diese Anschuldigung durch die Benutzung des
Begriffs "Männerherrschaft" ist fast immer der gleiche:
"Die Herrschaft des imperialistischen kapitalistischen Systems
hat kein Geschlecht. Wenn die unterdrückende Klasse die unterdrückte
Klasse oder Nation angreift kennt sie keinen Unterschied des Geschlechts.
Die Kapitalistenklasse bildet mit Frau und Mann eine Einheit".
(a.a.O)
Erstens sind die Begriffe "Männerherrschaft" und "patriarchale
Gesellschaft" keine Begriffe, die ausschließlich von Feministinnen
benutzt werden. Diese Begriffe wurden in der Vergangenheit von kommunistischen
FührerInnen wie Engels, Bebel, Lenin, Klara Zetkin benutzt. Und
was noch wichtiger ist, sie sind nicht bei Begriffen stehengeblieben.
Sie sind zu unnachgiebigen VerteidigerInnen des Kampfes gegen die
Männerherrschaft und den Männerchauvinismus geworden. Folgende Aussage
Lenins ist ein klares Beispiel:
Laßt uns "den alten Herrenstandpunkt bis zu seinen letzten,
feinsten Wurzeln ausrotten - in der Partei und bei den Massen"
(Lenin, zitiert in Clara Zetkin, Werke, Ausgewählte Reden und Schriften
Bd. 3, S. 550)
Zweitens, die Einschätzung "das Kapital hat kein Geschlecht"
dient dazu, die Realität, daß die Klassenherrschaft sich mit dem
Patriarchat deckt, zu verschleiern. Einen Satz weiter wird behauptet
"wenn die unterdrückende Klasse die unterdrückte Klasse oder
Nation angreift, kennt sie keinen Unterschied des Geschlechts".
Das ist absolut falsch. Die unterdrückende Klasse macht sehr wohl
Unterschiede bei ihren Angriffen auf das unterdrückte Geschlecht
und die unterdrückte Nation. So sind alle Gesetze zu Ungunsten der
Frauen -die Männer genießen Vorrechte- die werktätigen Frauen sind
durch Niedrigstlöhne der größten Ausbeutung ausgesetzt. Dies sind
Beispiele, die einem als erstes einfallen. Auch die nationale Unterdrückung
richtet sich verschärft gegen die Frauen. So sehr wie es richtig
ist, daß die Ausbeutung die Haupttriebfeder des Kapitals ist, ist
es auch richtig, daß in Klassengesellschaften neben der Herrschaft
des Kapitals weitere Herrschaftsverhältnisse existieren. Wer die
Kapitalherrschaft als reine und einzige Herrschaftsform zeigt und
die anderen Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft -die Geschlechtssklaverei,
die nationale Sklaverei- verkennt, vertritt im Namen des Klassenstandpunktes--wenn
er nicht gegen die Geschlechtssklaverei kämpft- eine männerchauvinistische,
und -wenn er nicht gegen die nationale Sklaverei kämpft- eine sozial-chauvinistische
Position. Das bringt den Klassenkampf nicht voran, sondern behindert
ihn.
An diesem Punkt liegt der Verfasser völlig daneben. Während er gegen
die sogenannte "feministische Abweichung" kämpft, wird
er zum Sprachrohr des Männerchauvinismus.
Die anderen "Verfälschungen" liegen laut des Verfassers
in den Wörtern "Demokratie innerhalb der Familien und Aufteilung
der Hausarbeit". Die eindeutig rückständige Position des Verfassers
wird an diesem Punkt noch klarer. Für ihn sind Forderungen wie "Demokratie
innerhalb der Familie" und "Aufteilung der Hausarbeit"
schädlich. Er begründet dies wie folgt:
"Die Forderung nach 'Demokratie in der Familie' entspringt
der These, daß die vom Zerfall begriffene heutige Familie, die nicht
auf wirklicher Liebe beruht durch Aufhebung der ungleichen Arbeitsteilung
zu retten sei. Gegen diese Flickwerktheorie, die die werktätige
Frau von dem eigentlichen Ziel ablenkt und Gleichheit von Ungleichen
als möglich ansieht, und den Eindruck entstehen läßt, daß die Familie
durch Erziehung zu retten sei, muß ein Kampf durch Verneinung der
bürgerlichen Familie, die nicht auf Liebe beruht, geführt werden.
Mit 'Demokratie innerhalb der Familie' und 'Kampf gegen die ungleiche
Arbeitsaufteilung' wird versucht, die Familie ertragbarer zu machen
und zu festigen. Indessen ist es aber in diesem System nicht möglich,
eine naturwüchsige monogame Familie zu schaffen. Aus diesem Grund
ist es notwendig, die Familie nicht durch Erziehung aufzupolieren,
sondern sie muß durch die Revolution zerstört werden". (a.a.O.)
Wahrhaft eine sehr radikale Position! Aber der Schein trügt!
Forderungen wie "Demokratie innerhalb der Familie" und
"Aufteilung der Hausarbeit" sind demokratische Forderungen.
Wie alle demokratischen Forderungen dienen auch diese Forderungen
dazu, die Lebensbedingungen der Werktätigen (hier insbesondere der
werktätigen Frauen) zu verbessern und den Kampf weiterzuentwickeln.
Die bürgerliche Familie zerfällt, kümmern wir uns nicht um ihre
Rettung und Stärkung, sondern um den Kampf für die Revolution. Egal
wie radikal sie sich auch gibt, die Logik des Verfassers verschließt
sich der Tatsache, daß Millionen werktätiger Frauen innerhalb der
Familie versklavt werden und Gewalt erfahren etc. Das ist der reinste
Hohn gegenüber den unterdrückten werktätigen Frauen, die für ihre
Befreiung von Unterdrückung, Klassenunterdrückung, nationaler- und
Geschlechtsunterdrückung und Ausbeutung kämpfen. Letztendlich bedeutet
das, dafür einzutreten, daß heute alles so bleibt wie es ist, da
ja erst durch die Revolution die klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung
geschaffen wird, die die Familie aufhebt.
Die wirkliche Befreiung der Frau liegt im Sozialismus/Kommunismus
und der kann nur durch die Revolution erreicht werden. Aber das
Bewußtsein, das für die Befreiung der Frau die Revolution notwendig
ist, fällt nicht vom Himmel. Diejenigen, die nicht gelernt haben
für ihre Rechte und bessere Lebensbedingungen zu kämpfen, sind dazu
verurteilt, SklavInnen zu bleiben. Dies gilt natürlich auch für
die Geschlechtssklaverei innerhalb der Familie. Diejenigen, die
geringschätzig die Forderungen "Demokratie innerhalb der Familie"
und "Aufteilung der Hausarbeit" abtun, haben überhaupt
nichts von der Realität verstanden, nämlich daß Frauen neben ihrer
nationalen und Klassenunterdrückung ebenfalls der Geschlechtsunterdrückung
ausgesetzt sind. Der Befreiungskampf der Frauen kann sein Ziel nur
erreichen, wenn sich der Kampf auf die ganze, ineinander übergehende
Unterdrückung als solche richtet. Auf dieser Grundlage kann sich
eine revolutionäre Frauenbewegung entwickeln und entfalten. Wer
im Namen des Klassenstandpunktes offen oder verbrämt, (wie der Verfasser)
den Kampf gegen die Geschlechtsunterdrückung vernachlässigt, der
treibt die Frauenbewegung nicht nur nicht voran, sondern zieht sie
zurück.
Wieso ärgern die Forderungen "Demokratie innerhalb der Familie"
und "Aufteilung der Hausarbeit" den Verfasser so? Laßt
uns die Frage mit den eigenen Worten des Verfassers beantworten:
"Nehmen wir an, daß in diesem Moment die Aufteilung der Hausarbeit
ganz 'neu' ausgerichtet ist, daß alles neu verteilt ist. Durch diesen
Zustand ist die Ungleichheit nicht aufgehoben. Selbst wenn das so
wäre, dann hätten wir in diesem System nur einfach die Stellen von
Mann und Frau vertauscht. Damit hätten wir die Ungleichheit zwischen
den Geschlechtern innerhalb der Familie nur ausgetauscht."
(a.a.O.)
Das ist nicht zu fassen! Aber wir haben es genauso wiedergegeben,
wie es der Verfasser geschrieben hat. In diesen Zeilen zeigt sich
die gesamte Furcht des Verfassers. Nach ihm bedeutet die Forderung:
Aufteilung der Hausarbeit die Rolle von Mann und Frau innerhalb
der Familie zu tauschen und zu fordern, daß anstelle der heutigen
Unterdrückung der Frau, die des Mannes tritt!
Was einem zuerst dazu einfällt ist zu fragen, was ist das für eine
"neue Art", welche Art von Aufteilung? Unter "Arbeitsaufteilung"
verstehen wir "teilen". Bei einer wirklichen Teilung kann
keine - wie der Verfasser es ausdrückt - Rede von "austauschen"
sein. Deshalb führt die Forderung nach Demokratie innerhalb der
Familie und Aufteilung der Hausarbeit keineswegs zu einer neuen
Ungleichheit. Diese Behauptung ist nichts anderes als Quatsch. Aber
dabei können wir nicht stehenbleiben. Es ist notwendig, sich die
dahinterstehende Ideologie anzusehen.
Der Verfasser lehnt mit der obigen Begründung die Aufteilung der
Hausarbeit ab. Als Lösung des Problems führt er aus, daß "mit
der Auflösung des Kapitalismus die Hausarbeit vergesellschaftet
wird". Was wäre also die logische Konsequenz des Verfassers,
was will er uns Frauen sagen? Doch nur: Die Hausarbeit - wir fügen
dem auch die Kindererziehung bei - wird nach der Auflösung des Kapitalismus
sowieso im Sozialismus vergesellschaftet. Bis zu diesem Zeitpunkt:
Weiter so, Frauen, vorwärts an eure Arbeit! Wollt ihr dies etwa
nicht akzeptieren? Seid ihr etwa Feministinnen?
Ja, die Lösung des Problems liegt in der Vergesellschaftung von
Hausarbeit und Kindererziehung. Aber solange wie dies noch nicht
verwirklicht ist, -dies wird auch nach dem Zerfall des Kapitalismus
nicht sofort möglich sein- ist es notwendig auf der einen Seite
für die Vergesellschaftung zu kämpfen und gleichzeitig die Hausarbeit
und Kindererziehung zwischen Mann und Frau aufzuteilen. Die Männer
(und Frauen), die diese Aufteilung nicht akzeptieren wollen, Männer,
die sich dadurch selbst unterdrückt sehen und sich gegen die Befreiungsversuche
der Frauen von der Sklaverei wehren, sind Männerchauvinisten. Und
das hat in keinster Weise irgend etwas mit marxistischer-leninistischer,
revolutionärer/kommunistischer Herangehensweise zu tun. Der Marxismus-Leninismus
tritt für die Vergesellschaftung der Hausarbeit und Kindererziehung
ein, was aber nicht heißt, daß bis dahin die Männer ihre privilegierte
Stellung in der Familie beibehalten können. Anscheinend haben einige
nichts gegen die Forderung "Befreiung der Frau von der Haussklaverei"
einzuwenden, solange damit nur die Vergesellschaftung der Hausarbeit
gemeint ist. Klar, denn dann machen das ja irgendwelche Institutionen
und es wird von dem Mann nicht gefordert, daß er heute seinen Anteil
an der Hausarbeit machen soll. Aber wenn die Frauen hier und heute
die Aufteilung der Hausarbeit und Kindererziehung wollen, dann ist
der Teufel los. Denn diese "stumpfsinnigen Arbeiten" werden
dann nicht auf irgendeine Institution übertragen, sondern konkret
auch von den Männern selbst verlangt. Und genau an diesem Punkt
leisten sie Widerstand und beschuldigen die Frauen, die das fordern,
als Feministinnen.
Daß dieser Artikel kommentarlos in Özgürlük Dünyası veröffentlicht
wurde, gibt sehr zu denken. Es ist ersichtlich, daß der Aufruf,
daß das unterdrückte Geschlecht seine Befreiung in die eigenen Hände
nehmen muß, in den revolutionären Reihen immer noch nur dem Schein
nach verteidigt wird. Und leider werden diejenigen revolutionären
Frauen, die dem Aufruf entsprechend den Kampf aufnehmen und Eigeninitiative
entwickeln, innerhalb kürzester Zeit durch männerchauvinistischen
Widerstand blockiert und in die Enge getrieben.
Selbstverständlich müssen wir revolutionäre/kommunistische Frauen
gegenüber Kritik und Selbstkritik offen sein, denn dies festigt
uns ideologisch und treibt uns voran. Aber wir dürfen uns nicht
durch jeden vorwurfsvoll erhobenen Zeigefinger oder "Feminismus"
Vorwurf einschüchtern lassen.
Das wesentliche in den revolutionären Reihen ist nach wie vor der
Kampf gegen den Männerchauvinismus, der sich hinter pseudo-marxistisch-leninistischen
Phrasen versteckt. Gegen den Einschüchterungsversuch mit dem Gespenst
des Feminismus: Laßt uns "den alten Herrenstandpunkt bis zur
letzten, feinsten Wurzel ausrotten - in der Partei und bei den Massen!"
(Lenin)
("Aufruf für eine neue Welt", Nr. 14, April 1995)
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