Werktätige Frauen:
Es ist Zeit zu kämpfen!
Heute ist der 8. März. İberall auf der Welt ist heute der Kampftag
der werktätigen Frauen gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Heute
ist unser Tag. Aber wir dürfen nicht vergessen: Der 8. März ist
nur ein symbolischer Tag. Dieser symbolische Tag soll uns ins Bewußtsein
rufen, daß wir für unsere Befreiung kämpfen müssen, er gibt uns
die Möglichkeit, uns unser Ziel und den Weg dahin bewußt zu machen,
unsere Kampfaufgaben, Forderungen, unsere Kräfte und organisatorisches
Niveau zu überdenken. Dieser Tag weist darauf hin, daß wir den Kampf
jeden Tag aufs neue mit wachsender Begeisterung führen müssen.
Wir unterdrückten Frauen, die jeden Tag die nächste Generation auf
unserem Buckel tragen, die jeden Tag dafür sorgen, daß diese Gesellschaft
funktioniert, die für das Essen, für das Schlafen, für das Kochen,
für das Putzen, für den ganzen Alltag zuständig und verantwortlich
sind, die die Kinder für die Schule und den Ehemann für die Arbeit
fertigmachen, wir sind die Säule und Sklavinnen der Familie. Das
sind wir, ohne uns, ohne unsere Arbeit, ohne unsere Duldsamkeit,
ohne unseren Mut und unsere Kraft würden die Verhältnisse schon
lange aus dem Ruder laufen. Wenn wir werktätigen Frauen unsere Ketten
sprengen, wird auch ein Kettenglied der Ausbeuterkette gesprengt.
Dieser Kraft müssen wir uns bewußt sein und unsere Kraft und unseren
Mut richtig einsetzen.
Die tagtäglich zunehmenden Angriffe der herrschenden Klassen auf
uns beeinflußen am meisten unser Leben. Einerseits ist es das immer
schwerer werdende imperialistische Joch, die von IWF und Weltbank
aufgezwungene Hunger- und Versklavungspolitik und die Auslandsschulden.
In Krisenzeiten zahlen die werktätigen Frauen mit ihrer Entlassung
als erste die Rechnung. Die Privatisierungspolitik hat die Arbeitslosigkeit
noch auf die Spitze getrieben... Unbezahlbare Lebenshaltungskosten
für uns, Bestechungsgelder, Betrügereien, Skandale bei den Herrschenden.
Eine Schulausbildung ist von Bestechungsgeldern abhängig... Auf
der anderen Seite der Faschismus, der mit der Vertiefung der ökonomischen
und politischen Krise immer wütender angreift. Der ungerechte Krieg
gegen die kurdische Nation, Vertreibung aus den Dörfern... ArbeiterInnen
und Werktätige, die ihre Recht einfordern wollen, werden unterdrückt.
Die revolutionär/demokratisch und kommunistischen Organisationen
und ihre Presse werden terrorisiert ... In den Gefängnissen Folter
und Morde... Gefangen genommene Guerillafrauen und festgenommene
revolutionäre/kommunistische Frauen werden sexuell erniedrigt und
vergewaltigt... Der faschistische Staat, der im gleichen Ausmaß,
wie er gegen Sittlichkeit und Moral verstößt, sich als Sittenwächter
aufspielt, terrorisiert junge Frauen in Schulen, Studentenheimen,
Gefängnissen mit zwangsweisen Jungfräulichkeitskontrollen.
Es gibt keine andere Alternative als gegen dieses Sklavensystem,
gegen den Faschismus, der unser Leben so unerträglich macht, zu
kämpfen! Es gibt keinen Ausweg, außer wir erkämpfen uns unsere Rechte
und unsere Freiheit mit unseren eigenen Händen.
Wir müssen uns fragen, setzen wir unsere Kraft und unseren Mut richtig
ein?
Wenn wir die Ketten sprengen, dann reißt ein entscheidendes Glied
der Unterdrückerkette! Aber arbeiten wir wirklich dran, daß die
Kette reißt? Ist es nicht so, daß uns die Verhältnisse meistens
erdrücken, daß wir vor lauter Arbeit vor den Anforderungen der Familie,
der Kinder, der Eltern, der Verwandten, und wenn wir draußen arbeiten
gehen des Fabrikbesitzers, des Atelierbesitzers kaum noch Atem haben
um zu kämpfen? Wir hetzen morgens früh zum Bus, werden eingequetscht
und angegrapscht, lassen die heulenden Kinder zurück, machen uns
bei der Arbeit Sorgen, was sie wohl machen, ob sie sich prügeln,
ob die Nachbarin sie schimpft, ob sie wieder Unsinn machen. Der
Rücken tut weh, weil wir uns den ganzen Tag über der Nähmaschine
krümmen, die Finger und Hände wollen nicht mehr, aber unermüdlich
summt die Maschine, unermüdlich tritt der Fuß das Pedal. Was soll
ich heute kochen, das Geld reicht nicht für Fleisch, was wird der
Mann dann wieder meckern... Zack kommt der Aufseher und schreit
mich an, wieso hast du die Naht schon wieder falsch gemacht... Dann
hasten wir nach Hause, geduckt, die Last des Arbeitstages und der
kommenden Hausarbeit im Genick... Zu Hause: das Geschirr steht ungewaschen
herum, die Große schreit, ich brauche meine Schuluniform morgen
gebügelt, ich kann das nicht, der kleine Herr sitzt da und keift,
ich habe Hunger und der Mann kommt und ranzt mich an, Besuch ist
da und kein Tee gekocht, kein Börek...
Ich will kämpfen, aber bei diesem Leben wie? Geht es nicht uns allen
so?
Kämpfen müssen wir an allen Fronten und jetzt sofort. Der Ehemann
und Freund soll unser Genosse sein, die Hausarbeit und die Kinderbetreuung
mit uns teilen... ist das nicht das natürlichste auf der Welt? Mit
ganzer Kraft müssen wir der Sklaverei zu Hause den Kampf ansagen,
den Klassenbruder aufklären, aber auch ihm seine Rolle klar machen,
wie kann er gegen Unterdrückung kämpfen, wenn er uns unterdrückt...
In der Fabrik, im Atelier gegen den Kapitalisten, gegen den Fabrikbesitzer...
wir Arbeiterinnen wollen unsere Rechte, wir wollen gleichen Lohn
für gleiche Arbeit jetzt sofort, wir wollen uns gewerkschaftlich
organisieren, wir wollen nicht als billigste Arbeitskräfte ausgebeutet
werden, wir kämpfen gegen Entlassungen, wenn wir heiraten und dann
nicht mehr so "profitträchtig" sind..
Wir wollen als Hausfrauen entlohnt werden...
Wir kurdische, armenische, griechische etc. Frauen wollen die Unterdrückung
unserer Nationalität nicht länger hinnehmen; der schmutzige Krieg
muß aufhören.
Im Kampf gegen die wirklichen Feinde werden wir wachsen, aber wir
müssen auch gegen unsere eigenen Schwächen angehen... Das "schwache
Geschlecht" durch tausendjährige Unterdrückung geknechtet verhält
sich willig. Schluß damit, organisieren wir uns, soll doch der Fußboden
mal schmutzig bleiben, soll das Essen mal nicht gekocht werden,
aber wir machen in unserem Stadtteil, in unserer Fabrik eine Aktion,
solidarisieren uns mit anderen kämpfenden Frauen!
Der 8. März ist der Tag, an dem wir uns unserer Kräfte bewußt werden
müssen, und nicht nur das:
dem Bewußtsein muß die Tat folgen, die Organisierung. Zusammen mit
den bewußten Proletariern und Proletarierinnen in einer Organisation,
die den Kampf gegen den Männerchauvinismus und gegen die Frauenunterdrückung
zu einer ihrer Tagesaufgaben macht, sowohl in der Gesellschaft als
auch gegen die Auswirkungen in den eigenen Reihen.
Organisieren wir uns!
Nieder mit dem Imperialismus, Faschismus, Rassismus und Männerchauvinismus!
(Redebeitrag von "Yeni Dünya İçin" auf 8. März Veranstaltungen
in Nordkurdistan/Türkei 1996 )
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