Der Angriff auf Gülbahar gilt uns allen!

Die Antwort, die der Staat Frauen gibt, die für die grundlegenden demokratischen Rechte kämpfen, ist: Festnahme, Folter und Vergewaltigung.

Am 15 Juni fand in den Räumen des Menschenrechtsvereins (IHD) in Istanbul eine Presseerklärung von Eren Keskin, der Vizevorsitzenden des IHD, Kiraz Birici, der Vorsitzenden des IHD-Istanbul, und M. Toprak dem Vorsitzenden der Demokratischen Volkspartei (DEHAP) statt.

Es wurde berichtet, dass Gülbahar Gündüz, die Leiterin der Frauenabteilung von DEHAP in Istanbul, von 4 Polizisten in Zivil entführt, mit verbundenen Augen gefoltert und vergewaltigt wurde. Gündüz, die im Gesicht Brandwunden von ausgedrückten Zigaretten hatte und deren Körper Blutergüsse und Striemen aufwies, schilderte detailliert, was sie erleiden musste. Nach ungefähr achtstündiger Folter wurde sie in die Nähe ihrer Wohnung aus dem fahrenden Auto hinausgestoßen.

Gülbahar Gündüz verwies auch darauf, dass sie bereits schon einmal vor dem 8 März, dem internationalen Tag der werktätigen Frau, entführt und festgenommen worden war. Damals wurde sie bedroht, um sie dazu zu bewegen, mit ihrer politischen Arbeit aufzuhören. Während Gülbahar die Ereignisse schilderte, konnte sie aufgrund des schweren Traumas, das sie durchlebt hatte, die Tränen nicht zurückhalten. Die im Raum anwesenden fast 100 Frauen fühlten alle mit ihr. Viele ließen ihren Tränen keinen freien Lauf. So als ob die nicht vergossenen Trännen im Inneren ihre Wut, so wie der Stahl durch Wasser gehärtet wird, noch stählerner macht.

Dieser Angriff richtet sich gegen alle unterdrückten und ausgebeuteten Menschen, insbesondere ist es ein Angiff auf uns, die Arbeiterinnen und werktätigen Frauen. Mehr noch richtet er sich gegen die kurdischen Frauen, die ihrer dreifachen Unterdrückung die Stirn bieten und dagegen auflehnen. Das Ziel des Staates ist es, die Menschen dazu zu bringen, sich nicht mehr gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sondern sich geistig und körperlich dem System zu ergeben.

Ansonsten würde man nicht am hellichten Tage von 4 Personen, die sich als Polizisten bezeichnen, eine Frau entführen, sie foltern und vergewaltigen, um sie anschließend so mißhandelt als Abschreckung am Wegrand aus dem Auto zu werfen. Ansonsten würde der Staat nicht versuchen mit allen möglichen Provokationen Presseerklärungen zu verhindern, die diese barbarische Tat verurteilen und sie anzeigen.

4 Tage nach diesem Angriff hat die Frauenplattform Istanbul zusammen mit einigen Frauenorganisationen eine Presseerklärung herausgegeben und Anzeige erstattet. Die anwesende Polizei verhielt sich provokativ, feindlich und angriffsbereit. Dieser Staat hält noch nicht einmal eine Presseerklärung aus. Die, die davon träumen, dass solch ein Staat "Anpassungsgesetze" erläßt, um in die EU aufgenommen zu werden, und auf diesem Weg demokratisiert wird, sollten aus ihren Träumen aufwachen und den Kampf für demokratische Rechte dem Kampf zum Sturz des faschistischen Systems unterordnend führen.

Mit all diesen gemeinen und barbarischen Angriffen wird man nicht die unter dreifacher Unterdrückung leidenden Arbeiterinnen und werktätigen Frauen dazu bringen, dass sie sich ergeben.

Gülbahars Erklärung, nun den Kampf noch intensiver weiterzuführen, ist die einzig richtige Antwort.

Nur ganz wenige der Hunderten von Frauen, die unter Folter bei ihrer Festnahme sexuell angegriffen und vergewaltigt werden, gehen damit an die Öffentlichkeit und prangern diese an. Zweifelsfrei ist der Hauptgrund dafür die Ideologie und Kultur, die die herrschenden Klassen in der Gesellschaft zur vorherschenden machen.

Durch das Schweigen der vergewaltigten Frauen fühlen sich die Vergewaltiger sehr sicher. Gülbahar hat sich sofort dazu entschlossen und mit erhobenem Haupte öffentlich berichtet, was ihr widerfahren ist. Wir sind mit ihr solidarisch und sehen diesen mutigen Schritt als Kampfansage an den Staat. Kein Angriff wird uns Arbeiterinnen, werktätige und kurdische Frauen von unserem Demokratie- und Freiheitskampf abbringen! Schweigen wir nicht, fordern wir Rechenschaft!

Die Rechnung für die Barbarei des männerchauvinistischen Systems wird früher oder später mit der Revolution beglichen werden!

Juni 2003
"Aufruf für eine Neue Welt", Nr 69, Juli 2003